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Sömmern, sennen und ein Rehkitz

Sömmern, sennen und ein Rehkitz

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Sömmern, sennen und ein Rehkitz

Simone und Simon Jäger verbringen ihre Sommer gemeinsam auf der Alpe Greußings Wildmoos. Die Arbeit ist hart, denn sie achten die Tradition und auf das Wohl ihrer Tiere. An den langen Sommertagen hier oben sind Gäste immer willkommen.

Nebelschwaden ziehen den bewaldeten Steilhang hinan, überziehen Blumenwiesen mit schimmernden Tautropfen, hüllen Kühe ein, die ungerührt weiterkauen, und verwandeln einen trüben Sommer- Mittwochmorgen in eine fremdartige Feenlandschaft, düster und bezaubernd. Nur fünfzehn Gehminuten von der Mittelstation der Bezauer Seilbahn entfernt ist kein menschlicher Laut mehr zu hören, nur Vögel, Hummeln und Kuhglocken aus der Ferne. Als ich kurze Zeit später zur kleinen Alpe Greußings Wildmoos hinabsteige, sehe ich ein Lebewesen, das ich erst nicht einordnen kann. Kaum größer als eine Katze, mit langen Beinen, schwarzer Schnauze und flaumigen Ohren: ein Rehkitz. Simon und Simone Jäger haben es aufgenommen, nachdem es drei Tage lang alleingelassen in einem Waldstück oberhalb der Hütte jämmerlich gefiept hatte. Nun heißt es „Heidi“, wird mit Ziegenmilch aus der Flasche gefüttert und folgt Simone auf Schritt und Tritt.

Bei Simon in der Sennerei

Den beiden jungen Andelsbuchern liegt das Alpleben offenbar im Blut – wenngleich nicht direkt in der Familie. Zwar stammt die Hütte aus der Familie von Simons Mutter, war jedoch jahrelang verpachtet und in baufälligem Zustand. Nach seinem Zivildienst beschloss Simon 2011 mit 19 Jahren, das alte Gebäude durch einen Neubau mit angeschlossener Käserei zu ersetzen und selbst zu bewirtschaften. Zusammen mit seinem Bruder baute der gelernte Zimmermann im Herbst des Jahres die Hütte eigenhändig auf. Seither verbringt Simon hier oben alljährlich die Monate Mai bis September zusammen mit 18 Kühen – nur solche mit Hörnern, darauf legt er großen Wert –, zehn Stück Jungvieh, sechs Schweinen, zwei Ziegen und etlichen Hühnern. 

In dieser Zeit produziert er 3.000 Kilogramm feinen, würzigen Bergkäse. Ruhig und konzentriert rührt Simon, bekleidet nur mit Shorts, Gummistiefeln und einer langen, weißen Sennerschürze, im riesigen, dampfenden Sennkessel. Durch den dichten, nach Milch duftenden Nebel, der die kleine Käserei erfüllt, erzählt er vom Alpleben und seiner Arbeit. Davon, dass er zwar nicht auf einem Bauernhof aufgewachsen ist, aber durch seinen Onkel, der Senn war, früh in Kontakt mit Alpleben und Milchwirtschaft kam. Davon, dass er versucht, so viel wie möglich mit althergebrachten Methoden zu produzieren, ohne industrielle Hilfsmittel wie Lab in Pulverform und Gefäßen aus Metall. Stattdessen verwendet er zur Käseherstellung getrocknete Bio-Kälbermägen und die seit alters bewährten sogenannten Gepsen: große, runde Gefäße aus Holz, in denen die Abendmilch über Nacht gelagert wird, damit sie reifen kann. Ohne aufzuschauen leert er aus einer Kanne die gesäuerte Molke des Vortags in den dampfenden Kessel und schöpft kurze Zeit später ausgeflocktes Milcheiweiß in eine hölzerne Schüssel: „Mittagessen“, murmelt er dabei bedächtig.

Das „Sömmern“ der Kühe auf der Alpe

Ja, Simon sei in der Tat ein wenig altvatrisch, sagt Simone später liebevoll lächelnd. Sie kümmert sich den ganzen Sommer um die zahlreichen Wanderer, die bei schönem Wetter nicht nur die Ruhe auf Greußings Wildmoos genießen, sondern auch Milch und Buttermilch, selbstgemachte Säfte, selbstgesammelten Tee sowie Bergkäse, Ziegenkäsle, Speck oder Landjäger. Nicht nur bei der Käseherstellung, erzählt sie dann, seien es all die vergessenen Arbeitsweisen von anno dazumal, die Simon begeistern würden. Da ist etwa auch das sogenannte „Sömmern“ der Kühe, eine Methode, die heute nur mehr selten praktiziert wird – und doch nicht nur für mehr Ertrag, sondern auch für entspannte Stimmung bei den Tieren sorgt: „Bei Tagesanbruch, morgens um halb vier, bringt einer von uns die Kühe auf die erste Weide“, schildert Simone und gesteht, dass eigentlich weder sie noch ihr Mann von Natur aus Frühaufsteher seien. „Um sieben Uhr holen wir sie wieder in den Stall, wo sie bis nach Mittag bleiben. Für die Tiere ist es viel angenehmer, im kühlen Stall wiederzukäuen und zu verdauen als in der prallen Sonne. Auch landen die Exkremente so nicht in der Wiese, sondern auf dem Misthaufen. Das schont das Gras und die Weiden sind länger benutzbar.“

Das Essen der Älpler: die Sennsuppe

Mittags, die Sonne lugt nun durch die Nebelschwaden, sitze ich mit den beiden in der liebevoll dekorierten, verglasten Veranda und esse Sennsuppe: weiße, flaumige Milcheiweiß-Flocken, die in warmer Molke schwimmen. Das, was bei der Käseherstellung am Ende übrig bleibt, war früher das „tägliche Brot“ der Alpleute. Heute ist es ein Geheimtipp für Liebhaber von Milch und Käse. „Und unser Mittagessen, jeden Tag“, brummt Simon friedlich, sichtlich zufrieden, dass die Arbeit der ersten Tageshälfte geschafft ist. Das Paar hat sich sehr bewusst für das Leben auf der Alp entschieden. Trotz ihrer jungen Jahre sind sie ein eingespieltes Team, in dem jeder den anderen mit großem Einsatz unterstützt. Als ich frage, ob nicht doch manchmal ein drittes Paar Hände fehle, werfen sie sich einen kurzen Blick zu. „Mein Vater und Simones Mutter kommen oft herauf, um uns zu helfen“, sagt Simon. „Darüber sind wir sehr froh.“ Aber, lächeln die beiden dann, sie seien auch sehr gern nur zu zweit auf der Alpe heroben und genießen trotz der vielen, harten Arbeit die langen Sommertage. Während des Winters, wenn Simon als Zimmermann am Bau und als Skilehrer arbeitet und Simone bei der Lebenshilfe, „ist das Ausschlafen am Wochenende schon ein Highlight“, lacht Simone. Aber irgendwann, ergänzt Simon, komme der Moment, an dem er das Frühjahr wieder herbeisehne, und den Tag im Mai, wenn die beiden wieder in die Berge ziehen.

Autorin: Babette Karner
Ausgabe: Reisemagazin Sommer 2019

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