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Wo die Kräutercola wächst

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Wo die Kräutercola wächst

Der Bregenzerwald ist für Kinder, wovon Erwachsene träumen: eine Idylle.

Da komm ich nun nach vielen Jahren im In- und Ausland samt Töchterchen zurück, um endlich einmal einen ausgedehnten Urlaub zu genießen. Nahezu zwanzig Jahre war ich unterwegs, jetzt kommen mir Erinnerungen aus der Kindheit in den Sinn. Ich freue mich auf ein Wiedersehen mit dem Bregenzerwald und bin auf der Suche, weiß nicht genau wonach. Dann hab ich es wiedergefunden – das kleine Paradies meiner Kindheit!

Als Erstes fahre ich mit meiner sechsjährigen Tochter zu den alpinen „Streichelzoos“ – auf Bauernhöfe. Sie soll Tiere einmal in ihrer natürlichen Umgebung erleben, fernab der lila Milka-Kuh. Bei Biobauern in Egg, Schwarzenberg und Schoppernau will meine Kleine gar nicht mehr aufhören: streichelt und füttert und streichelt und füttert. Zwischendurch belehrt sie mich über Pferde – als Reiterin kennt sie sich aus. Das alles macht ihr wirklich einen Heidenspaß.

Bei einem Bauern in Alberschwende dürfen wir beim Melken dabei sein. Unser Staunen wird vom Jungbauern mit einem dicken Spritzer Milch aus dem Euter belohnt. Das Kleidchen trieft, die Tochter hüpft, quietschend vor Freude. Ein Kälbchen mit treuherzigen Augen wird vom Bauern mit frischer Milch gesäugt. Nach so vielen Tieren fällt meine Kleine müde ins Bett und schnurrt dort wie Kätzchen ein.

Am nächsten Tag geht es zur Bregenzerache. Dort herrscht reges Treiben: Kinder stapfen durchs Flussbett, spielen auf Sandbänken. Ihre Mütter genießen die Sonne. An tiefen Stellen springen junge Leute von Felsbrocken ins Wasser. Ah, dieses kalte, klare Wasser! Wildwasserpaddler und Kajakfahrer ziehen vorbei.

Früher verlief entlang „d’r Aach“, wie sie von Einheimischen genannt wird, „’s Wälderbähnle“, das die Landeshauptstadt Bregenz mit Bezau verband. Die Schmalspurbahn wurde 1902 fertig gestellt und war bis 1983 in Betrieb. Heute ist sie eine Museumsbahn mit Dampflok zwischen Schwarzenberg und Bezau – und meine Tochter fährt mit der Oma darauf. Bei der Rückkehr singt sie stolz ein neu gelerntes Lied: „Fahr ma no a klälä, fahr ma no a klälä mit dem Wälder Isabäh(n)le.“

Ihre schönste Erfahrung, trotz Tieren und Dampflok, ist die Kräuterwanderung von Au ins Holdamoos. Bei der kleinen Kirche scharen sich Kinder mit ihren Eltern um die kräuterkundige Führerin Annemarie Bär. Zunächst geht es zu einem Brunnen aus einem mächtigen Baumstamm. Ärmel hoch, die Arme bis knapp über die Ellbogen ins kalte Wasser und die Unterarme wie eine Turbine drehen. Uiii, mit hellem Kreischen sind alle hellwach.

Beim Spaziergang erläutert die charmante Frau Bär die Vielfalt der Pflanzen und erklärt deren Gebrauch. Die Kinder lauschen andächtig und streichen sich mit Blättern, die sich wie Teddybären anfühlen, über die Wangen. Dann verzieren sie die Blätter mit Klettpflänzchen zu kleinen Kunstwerken. Sie lernen, wie man Brennnesseln anfasst, ohne dass sie brennen, und erfahren ein Stück Bregenzerwälder Alpgeschichte. Im Kräutergarten erkunden sie mit Augen, Nase und Mund die erstaunlichsten Duft- und Geschmacksrichtungen. Sogar Cola-Geschmack ist dabei.

Meine Sechsjährige steht mit den anderen Kindern in einer rund 500 Jahre alten Vorsäßhütte (das ist eine Alphütte auf 1.200 bis 1.600 Meter Seehöhe). Ein Feuer brennt am Herd, Annemarie Bär wirft Blütenpulver ins Feuer. Die Kinder kreischen vor Freude über die kleinen Explosionen. Dann fragen sie, wie die Bauern in solchen Hütten haben leben können. Sie hören, dass man hier einst Käse und Butter erzeugt und im Keller gesalzen hat. Mit kleinen Stoffmäusen, einer Mausefalle und spannenden Erzählungen hält Frau Bär alle Kinder bei Laune: Unter der „Gebse“, einem für die Milchverarbeitung aus Holz produzierten Gefäß, das wie das untere Ende eines abgeschnittenen Holzfasses aussieht, halten sich Mäuse versteckt – wie werden wir sie fangen? Aufgeregt und vor Spannung fast platzend, lauschen die Kinder der Erzählerin. Noch tagelang werden sie davon schwärmen.

Nach zwei Wochen Urlaub macht mir meine Tochter klar: Im Bregenzerwald kann ein Kind noch Kind sein, Dinge angreifen, das Leben unmittelbar begreifen. So wundert mich die Frage meiner Tochter nicht, als wir im Zug zurück in den Alltag sitzen: „Mama, wann fahren wir wieder in den Bregenzerwald?“

Autorin: Ulrike Schöflinger
Ausgabe: Reisemagazin Sommer 2010

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