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Wo Bänke Geschichten erzählen

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Wo Bänke Geschichten erzählen

In Lingenau sitzt man nicht nur zum Rasten und Genießen der Aussicht auf einer Bank am Weg. Aus 28 Erzählbänkle kommen auch die Stimmen von Einheimischen und erzählen eine zum jeweiligen Ort passende Geschichte.

Birgit, eine Freundin, ist zu Besuch bei uns in Lingenau. Wir sind früh aufgestanden, um eine Runde zu gehen. Unser Morgenspaziergang führt uns über die Bochere, einen bewaldeten Hügel, hinunter zum Dörnlesee, einem idyllischen Weiher. Das Gras ist noch feucht. Wiesenschaumkraut, Löwenzahn und Spitzwegerich strecken ihre Köpfe in die Höhe. Die Vögel singen, die Luft ist klar. Am Bochernweg kommen wir zu einer Bank – einer dieser Sitzgelegenheiten, die Platz zum Rasten mit Ausblick in die Landschaft bieten. Ein guter Ort, um sich zu unterhalten, zu schauen oder sich zu stärken. Schon immer hatte ich meine Freude an diesen Bänken, die man hier „Bänkle“ nennt: Ich erlebe sie als Geste der Gastfreundschaft und Großzügigkeit, zumal manche auf Privatgrund stehen und bei manchen ein großer Aufwand betrieben wurde, um sie so aufzustellen, dass sie einen besonders schönen Ausblick bieten.

In Lingenau gibt es seit zwei Jahren Bänkle, die noch mehr können: In ihnen stecken Geschichten. 28 Erzählbänkle sind im ganzen Dorf entlang von vier Erzählrouten aufgestellt, erkennbar an grünen Tafeln. Man kann sich von ihnen über Land und Leute erzählen lassen: Scannt man mit dem Mobiltelefon den angebrachten Code, gibt es eine Geschichte geschenkt. Erzählt von einer Person aus Lingenau im Alter zwischen sieben und neunzig Jahren. Das Besondere dabei: Bei jedem Bänkle ist eine wahre Geschichte zu hören, die genau zu jenem Ort passt, an dem man gerade Platz genommen hat. Es sind Geschichten über das Züchten von Bienen, über Heimweh und Feste. Geschichten von Expeditionen, vom Überleben und Verlieben. Von Alltagssorgen und Lebensfreuden. So erzählt am Bänkle vor der Kirche die Mesnerin Christine von einem Hochzeitschaos während des Kirchenumbaus. Imker Josef schildert bei seinem Bienenhaus, wie es zu seinem Standort kam, Sängerin Anna bei der St.-Anna-Kapelle von einer lustigen Begebenheit nach einer Chorprobe, und Klaus, der Gemeindearzt, mit Blick aufs Dorf an die anfänglichen Verständigungsprobleme bei Krankheitsbegriffen im lokalen Dialekt.

Die Erzählungen vor Ort bieten ein ganz besonderes Erlebnis: keine glatten Sprecherstimmen, sondern lokal gefärbte Ausdrucksformen, emotional und authentisch. Zu hören gibt es Erzählungen aus dem Leben, die Gemeinsamkeiten zeigen, schmunzeln lassen und von denen man manchmal sogar etwas über das Leben lernt. Unter dem Bochernwald, wo wir inzwischen angekommen sind, hören wir am Bänkle dem Artenschutzaktivisten Bernhard zu. Seine Erzählung verrät uns die Bedeutung von Bochern für ihn und was er bei seinen Expeditionen erlebt hat. Birgit, meine Begleitung, hört und schaut dabei in die Landschaft. Und entscheidet sich dann dafür, die Bänkle-Runde fortzusetzen. Ich habe als Projektleiterin von „Lingenau erzählt“ den Artenschutzaktivisten Bernhard kennengelernt. Schon während der Vorbereitung seiner Geschichte für die Aufnahme im Tonstudio fühlte ich mich in unserem Vorhaben bestätigt, die Erzählkultur im Dorf wieder aufleben zu lassen. Einmal abgesehen davon, dass jeder Mensch eine interessante Geschichte zu erzählen hat, zeigte sich, dass in Lingenau wirklich bemerkenswerte Menschen zu Hause sind. Ihrem Wissen, Wollen und Können eine Öffentlichkeit zu geben und es in Austausch zu bringen, ist eine Aufgabe von „Lingenau erzählt“. So erzählt uns dann das Bänkle am Dörnlesee die Geschichte von Joachim und Markus. Ihre Schilderung von Erlebnissen beim Fischen vermischt sich mit dem Summen der Bienen und Mücken. Während wir zuhören, genießen wir die Landschaft als Kulisse zur Erzählung. Schön, dass wir „Lingenau erzählt“ umsetzen konnten. Schön, dass Tourismusverein und Gemeinde sich auf diese ungewöhnliche Idee eingelassen haben. Nun kann man die Geschichten vom „Milchauto-Chauffeur“, einer Physiotherapeutin, einem syrischen Flüchtling, einer Campingplatzbetreiberin, einem Bauingenieur und einer Grafikdesignerin rund um die Uhr anhören. Schön, dass sich so viele bereit erklärt haben, ihre Geschichten zu erzählen – einmal auf Deutsch und einmal im Dialekt. Und besonders schön finde ich, dass „Lingenau erzählt“ weiterlebt: Im Winter veranstalten die Wirte im Dorf Erzählabende in ihren Stuben, im Frühling laden sie zum großen Bänkle-Fest. Denn Lingenau erzählt.

Autorin: Isabella Natter-Spets
Ausgabe: Reisemagazin Sommer 2019

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