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Wird zu viel geheut?

Wird zu viel geheut?

Früher wurde überall geheut, das Winterfutter war unverzichtbar. Und heute? Der Philosoph Peter Natter nimmt sich ein Buch vor und liest es mit Blick auf die Entwicklung im Bregenzerwald. Diesmal: aus dem Tagebuch von Henry David Thoreau, der mit „Walden oder Hüttenleben im Walde“ berühmt wurde.

23. Juni 2016, 21.10 Uhr: Exakt jetzt geht die Sonne unter, zwei Fingerbreit rechts neben dem Funkturm auf dem Pfänder. Ich bin in Egg-Großdorf, am Sieban, an einem für mich magischen Platz – einen Steinwurf von der Roten Egg entfernt, dem Schauplatz der Schwedenvertreibung durch die Bregenzerwälderinnen anno 1647. Keine Wolke am Himmel, die Temperatur liegt immer noch bei gut 27 Grad, über 30 waren es am Nachmittag. Seit rund fünf Stunden fahren Traktoren mit Ladewagen voller Heu in beide Richtungen an meinem Häuschen vorbei. Es ist ein Tag, wie die Bauern im Bregenzerwald ihn sich nur wünschen können. Der gestrige war es auch.

Riesige Felder, „Heimaten“ hat man das früher genannt, sind gestern gemäht worden, nun kommt das duftende Heu in die Scheunen. Während all dieser Stunden sitze ich auf der kleinen Terrasse oder in der Stube und gehe meiner Arbeit nach. Ich sitze da mit einem Buch, in dem Sätze stehen wie diese: Am Morgen glauben wir nicht an Nützlichkeit. – Es genügt nie, dass unser Leben leicht ist. – Die Welt macht keinen Fortschritt. – Mensch sein heißt, eines Menschen Arbeit tun. – Gewiss ist Freude die Bedingung des Lebens. – Was der Zeit geopfert wird, ist für die Ewigkeit verloren. – Diejenigen, die viel arbeiten, arbeiten nicht hart. – Zumeist habe ich schlecht gelebt, weil ich mir zu nah war. – Mir wird wiederum klar, wie sehr der Mensch Kostgänger der Natur ist. – Man lernt das Handwerk des Lebens nicht so rasch. – Nahe der Natur scheinen die Handlungen eines Menschen am natürlichsten zu sein. – Was ist ein Tag, wenn das Tagwerk nicht getan wurde? – Wenn ich bei Sonnenuntergang eine Wanderdrossel singen höre, kann ich nicht umhin, den Gleichmut der Natur mit dem Gewusel und der Ungeduld des Menschen zu vergleichen. – Alle guten Dinge sind preiswert, alle schlechten sehr teuer. Das sollte genügen fürs Erste. Die Auswahl ist willkürlich, aber nicht beliebig. Die Sätze geben Gedanken wieder, die in den USA der Jahre 1838–1842 geschrieben worden sind.

In einem Land, das mit dem, was es heute ist, ungefähr so viel zu tun hat wie eine Sense mit einem modernen Traktor samt Mähwerk – also nichts außer dem Gras, das beide schneiden. Die Gedanken finden sich im Tagebuch eines 1817 geborenen, mithin eines noch jungen Mannes. (Es ist jetzt 22.08 Uhr. Der letzte – oder auch nicht – Heutransport rauscht dorfwärts. Der Himmel im Westen ist orangerot, die ersten Sterne leuchten am Firmament, ja: am Firmament!) Ihm soll dieser Text gewidmet sein, in dem ich eine Begegnung anregen will zwischen dem Bregenzerwald und einem Buch: Henry David Thoreau (1817–1862). Auch weil er mit einem Werk berühmt, wenn nicht unsterblich geworden ist, mit einem echten Klassiker, der den Wald sogar im Titel trägt: „Walden oder Hüttenleben im Walde“. Das ist der Bericht über ein Experiment: 1845 entschloss sich Thoreau, im Wald auf dem Grundstück eines Freundes eine Hütte zu bauen. Zwei Jahre und zwei Monate hat er dort verbracht. Danach kehrte er in die „Kulturwelt“ zurück. In der bin ich jetzt auch, im Juni 2016. Der Milchpreis ist seit Wochen im Keller; es wird zu viel Milch produziert in der Kulturwelt. Heißt das, es wird zu viel geheut?

Einerseits ist es ja tröstlich zu sehen, wie schon vor gut 160 Jahren die Flucht aus der Zivilisation ein Thema war. Andererseits, und das könnte den Reiz einer Begegnung von Thoreau mit dem Bregenzerwald ausmachen, andererseits entsteht eine gewisse Betroffenheit angesichts der Distanz, die zwischen den beiden liegt, abzulesen an den oben aufgezeigten Gedanken des Philosophen Thoreau. Ein Philosoph ist Thoreau übrigens, weil er davon überzeugt ist (und das auch praktiziert), dass es um Glück geht im Leben. Und zwar um ein Glück, das kein irgendwie gearteter Affekt, kein Nebenprodukt, kein Kollateralnutzen ist, nicht etwas, das sich einstellt, wenn man Erfolg hat im Beruf, in der Politik, in der Gesellschaft oder in der Liebe, sondern ein Affekt, der sich aus dem Wert des Lebens selbst ergibt. Das heißt, ein Affekt (und Effekt) des wahren Lebens. Dieses wahre Leben ist das wahre Ziel all der Traktoren und ihrer Fahrer, die da heute kreuz und quer dahinrauschen, sage ich mir. Der Bregenzerwald war und ist seit je eine Region, in der angepackt wird, in der Arbeit selbstverständlich ist. Was nicht bedeutet, dass sie, wie man sagt, „kein Thema“ ist: Sie ist das Thema. Aber wird sie auch gründlich genug thematisiert? Wenn „Mensch sein heißt, eines Menschen Arbeit tun“, wie es oben schon steht, möchte ich das als einen von vielen Hinweisen verstanden wissen, wie eng verwandt Henry David Thoreaus Empfinden und Natürlichkeit der Bregenzerwälder Tradition ist. Und wenn die Traktoren dann stillstehen (jetzt, um 22.37 Uhr, scheint das der Fall zu sein) und das Dengeln der Sensen sowieso entfällt, könnte man stattdessen dieses wundervoll lebendige Buch zur Hand und den einen oder andern Gedanken mit hinüber in den verdienten Schlaf nehmen. Auch als Traktorfahrer, erst recht als Bauer, sicher als Wälder; denke ich mir.

Autor: Peter Natter
Henry David Thoreau: Tagebuch I, Matthes & Seitz, Berlin 2016
Ausgabe: Reisemagazin Sommer 2017

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