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Werkzeug eines Dichters

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Der Philosoph Peter Natter nimmt sich im Bregenzerwald ein Buch vor und liest es mit Blick auf seine unmittelbare Umgebung. Diesmal: die „Duineser Elegien“ von Rainer Maria Rilke.

Wofür es gut ist? Das ist nicht die Frage. Warum Poesie, warum im Bregenzerwald? Weil es ums Echte geht und um den unverstellten Blick. Den hat der Dichter als der tatsächlich Kreative und Innovative. „Tatsächlich kreativ“ statt nur „scheinbar originell“ nenne ich ihn, weil er nicht im leeren, wertfreien Raum agiert, weil er sich weder von Licht blenden noch von Schatten einlullen lässt und weil er Tatsachen, also Werte schafft, stiftet, wie man das einmal genannt hat. Ich möchte das verstanden wissen als Gegenströmung und Gegengewicht, als Ausgleich zu all dem bloß Aufgesetzten, das so viel oder wenig hergibt wie eine aufgenähte Jackentasche im Vergleich zu einer richtigen, in der auch etwas Platz hat.

Zur Erklärung: Ich bin aufgewachsen mit und trage immer noch Hosen mit richtigen Hosentaschen, in denen ein Sackmesser Platz hat, ein Sacktuch sowieso, und dies und das, was zu finden war und ist auf dem Schul- als Lebensweg: Steine, Holzstücke, Münzen, Regenwürmer oder ein frech gepflückter Apfel, eine Birne vielleicht, nicht gerade aus Havelland, aber doch köstlich, weil ein bisschen gestohlen. Wo sonst? Was sonst? möchte ich fragen, und schon sitze ich mit dem unvermeidlichen Buch in meinem Großdorfer Refugium. Um mich herum Bregenzerwald pur und mit mir reine Literatur: Lyrik. Dennoch ist es oft ein weiter Weg bis zum Naheliegenden. Vieles muss weggeschaufelt, umgegraben, abgetragen werden, bis zum Vorschein kommt, was (Tat-)Sache und wesentlich ist. Konkret bewerkstellige ich diese Distanznahme durch einen kleinen Rückzug, eine Auszeit, 24 Stunden, nicht mehr und nicht weniger. 24 sparsam, aber exquisit verproviantierte Stunden, die es in sich haben, in denen nur eines zählt, ohne Ablenkung, ohne Gschaftlhuberei, ohne Nebenschauplätze. Das auch deshalb, weil die gestellte Aufgabe, einen schönen Text zu schreiben, all das nicht mag, nicht verträgt, wenn ich genau und ehrlich bin. Genau das ist die erste Lektion, die mir Rainer Maria Rilke (1875–1926) erteilt: „Ich lüge woanders, aber nicht hier, vor mir selbst.“ Müssen wir allein sein, um wenigstens theoretisch dem Lügen zu entgehen? Es schaut ganz so aus.

Apropos Lüge: In Rilkes Gedicht „Jetzt reifen schon die roten Berberitzen“ ist die Rede von einer Welt, in der uns alles anlügt. Auch die Authentizität einer Region hängt daran, ob es ihr gelingt, ehrlich zu sein mit uns, wahrhaftig und sich selbst gerecht zu werden – was etwas völlig anderes ist, als selbstgerecht zu sein. Nun zur Sache: „Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen?“ So setzt Rainer Maria Rilkes Gedichtzyklus der Duineser Elegien ein. So hebt dieser Gesang an, der in den 1910er und 1920er Jahren über einige Jahre hinweg entstanden ist. Ihren Namen verdanken sie dem Schloss Duino bei Triest, in dem Rilke 1912 als Gast der Gräfin Marie von Thurn und Taxis-Hohenlohe weilte und sich zumindest von der Muse ausgiebig küssen ließ. So entstand die erste Elegie. Weil Rilke und wohl auch die Gräfin sahen, dass es gut war, folgten im Lauf der Jahre neun weitere. Wer ihn hört, fragt der Dichter. Niemand hört dich, lautet die Antwort, sonst gäbe es die zehn Elegien nicht. Auch mich hörte hier und jetzt niemand, nicht nur akustisch. Ich schreie auch nicht. Selbst mit dem Erhören ist es nicht weit her, aber das ist eine andere Sache, und an dieser Stelle noch nicht unser Thema.

Lyrik ist schon eher unser Thema und damit auch die Vorurteile, die ihr begegnen, nicht zuletzt in einer Region des Schaffens und Handwerkens: für nichts gut zu sein als für sich selbst oder für den Lyriker, den weltfremden, weltfernen Dichter, dem die Welt ebenso abhandengekommen ist wie er oder sie ihr. Wo es so einfach ist: Ich brauche die „Duineser Elegien“ nur aufzuschlagen, irgendwo, und schon bin ich zu Hause, nicht nur in Großdorf, nicht nur im Bregenzerwald: zu Hause in mir, in der Welt. Vor Jahren habe ich den Versuch gemacht, sie auswendig zu lernen. Ein schönes Stück weit bin ich gekommen, immerhin fast bis zur sechsten. Manchmal frage ich mich, was geblieben ist von diesem Tun. Verdichtungen sind geblieben.

Verknüpfungen von Orten und Zeiten, wenn mir auf dem Gang zum Bäcker oder an einem Bahnsteig Verse in den Sinn kommen, die ich dort vor mich hin und in mich hinein und gleichzeitig in die Welt hinaus gemurmelt habe: „Liebende könnten, verstünden sie’s, in der Nachtluft wunderlich reden“ (zweite Elegie). Oder: „Fänden auch wir ein reines, verhaltenes, schmales Menschliches, einen unseren Streifen Fruchtlands zwischen Strom und Gestein.“ (ebd.) Was mich motiviert, den „Duineser Elegien“ meine Wald-Auszeit zu widmen, ist nicht zuletzt die Haltung des Dichters seinem eigenen Werk und sich selbst gegenüber. Ich will diese Haltung die Werkzeug-Haltung nennen. Es ist eine Verbindung aus hervorragender Meisterschaft, quasi handwerklich-technischem Können einerseits und Inspiration, Demut, Überantwortung andererseits. Da ist er dann wieder, mein Bregenzerwald: „Treten Liebende nicht immerfort an Ränder, eins im andern, die sich versprachen Weite, Jagd und Heimat“, steht in der vierten Elegie. Ein Rand, der gleichzeitig Heimat ist: Man muss nicht unbedingt ein von Ernst Steininger gemaltes Porträt des exemplarischen Bregenzerwälders Franz Michael Felder täglich vor Augen haben, um hier an unseren Dichter zu denken. Aber wenn man’s hat, ist es auch gut. In meinem Großdorfer Hüsle gibt es ein weiteres Felder-Porträt des originellen Bregenzer Künstlers, so unscheinbar wie unübersehbar platziert und wirkend. Mein Bregenzerwald ist ein Ort und Hort der Werkzeug-Haltung: Das Sinnliche steht neben dem Sozialen und dem Spirituellen, das Handwerkliche neben dem Mystischen. Alles hat seine Zeit und vielleicht noch mehr: seinen Raum und seine Sprache sowieso.

Autor: Peter Natter
Ausgabe: Reisemagazin Bregenzerwald – Sommer 2020

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