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Wandern, bis der Käse kommt

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Wandern, bis der Käse kommt

Ich machte mich auf den Weg. Weitwandern im Bregenzerwald auf dem Käseweg. Begegnungen mit Heuwagen, Hitze, Weisheiten, schottischen Hochlandrindern, Demut, tollen Wirtsleuten, Thomas Jefferson, Blasmusikanten, Hagel, Kuhfladen und Milchtankern.

Ich gehöre nicht zu den Leuten, die vom Jakobsweg träumen. Höhenmeter finde ich blöd. Trotzdem kaufe ich mir neue Bergschuhe, Wandersocken und einen bescheuerten Hut. Den Koffer packe ich mit Genuss, ich muss ihn ja nicht tragen. Vielleicht komme ich endlich dazu, „Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur“ zu lesen.

1. Tag: Keuchend stehe ich Hochlandrindern gegenüber
An jenem Morgen im Juli wünsche ich mir Humboldts Zyanometer, um die Bläue des Himmels messen zu können. Ich fühle mich wie Hape Kerkeling und frage mich, ob ich Geschichten begegnen werde. Die liegen ja bekanntlich auf der Straße. Im Bus treffe ich eine Freundin. Sie fährt ins Fitnesscenter zum Rückentraining. Man hat ihr versprochen, in sieben Wochen schmerzfrei zu werden, das war vor einem Jahr. Wandern? Für sie unmöglich. Wie privilegiert ich bin. Mir tut nichts weh. Noch nicht. Zweimal umsteigen. Der Busfahrer arbeitet seit fünf Uhr früh. Sein Dienst dauert fünfzehn Stunden, danach muss er seinen Bus reinigen – innen und außen. Alles glänzt.

In Sulzberg geht es los. Vom Tourismusbüro habe ich eine ausführliche Wegbeschreibung bekommen. Ein Zettel, denn das soll mein Offline- Urlaub werden. Systeme herunterfahren. Seit März habe ich 116 Lesungen absolviert. Nach ein paar Metern ziehe ich das Handy aus dem Rucksack, klammere mich daran, mache Fotos, checke E-Mails, würde mir gern ein Hörbuch in die Ohren stopfen. Verflixtes Ding. Das Panorama könnte kitschiger nicht sein. Eine junge Frau in Flip-Flops schiebt einen Kinderwagen den Berg hoch. Der Milchtanker von den Käse- Rebellen kommt mir entgegen. Sonst niemand. Es duftet nach Heu und Mist. Schwalben. Meine Güte, was haben die alle ein Händchen für ihre Gärten.

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Etwas Weißes surrt durch die Luft und fällt vor mir auf den Weg. Ein Golfball. Ich komme mir vor wie Aschenbrödel und nehme ihn mit. Vielleicht öffnet er sich, wenn ich ihn brauche und gibt ein Ballkleid preis, oder wenigstens einen Golfschläger. Ich bade in der Weißach, überquere eine alte gedeckte Holzbrücke. Auf meinen Lesereisen komme ich viel herum, aber eine dermaßen perfekt ausgebaute Infrastruktur in jedem Dorf habe ich sonst nirgends gesehen. Riefensberg zum Beispiel: Lebensmittelladen, Golf-, Tennis- und Volleyballplatz, Spielgruppe, Kindergarten, Schule, Bücherei, 60 Betriebe, 22 Vereine, Juppenwerkstatt, Gasthäuser, eine Bank. Und das bei etwa tausend Einwohnern. Nur zum Arzt müssen sie ins nächste Dorf. 500 Höhenmeter bergauf. Keuchend stehe ich Hochlandrindern gegenüber. Sie gehören Michael Dorn, der die gleiche Freundlichkeit ausstrahlt wie seine Tiere. Die Rinderfamilie ist elf Jahre alt, steht während des ganzen Jahres im Freien und hat noch nie einen Tierarzt gebraucht.

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Im Wald wird es dunkel. Bedrohliche Felsen. Ich trete durch das Steinerne Tor. Vor mir tut sich das Hochlandmoor auf und der Höhenzug des Hochhäderich. In einer Hütte esse ich Suppe. Drei Schwaben unterhalten sich über Alkoholgehalt im Bier. Einer erzählt, dass er vor der Beerdigung seiner Mutter sehr nervös war und schnell zwei Flaschen Bier leerte. Am Grab verlor er das Gleichgewicht, stürzte auf den Sarg und brach sich den Knöchel.

Die letzten zwei von 16 Kilometern hinunter nach Hittisau sind mühsam. Im Schwimmbad tummeln sich die Kinder. Ich hatsche ins Dorf. In der Krone werde ich begrüßt und bestaune die ausgewählten Bücher in den Regalen. Magazine und Zeitschriften. Hier will ich bleiben. Mein Koffer steht bereits im Zimmer. Es duftet nach Zitrone und Holz. Ich dusche mich, lege mich ins Bett und fühle mich sauwohl. Ich suche nach der Fernbedienung: Kein Fernseher. So muss es sein. Ich hole meinen Wälzer aus dem Koffer und lese. Nichts lenkt mich ab. Alexander von Humboldt erkannte die Natur als einen einzigen lebenden Organismus, in dem alles mit allem zusammenhängt. Er war der Erste, der den vom Menschen beeinflussten Klimawandel beschrieb, indem er bereits im Jahr 1800 vor der zerstörerischen Abholzung des Regenwaldes und den Folgen für Bodenbeschaffenheit, Wasserpegel und Klima warnte. Einer seiner Freunde war Thomas Jefferson – immerhin, es gab einmal amerikanische Präsidenten, die klug, visionär und bewundernswert waren. In der Wirtsstube führe ich ein angeregtes Gespräch mit Dietmar Nußbaumer, dem Wirt. Er hat einen eigenen Hausphilosophen angestellt, einen Mann mit Behinderung, einen Iraker, einen Syrer, eine Kellnerin arbeitet hier schon 25 Jahre. In der Krone trifft man Nobelpreisträger, Chefredakteure und Einheimische, die nach der Kirche zum Frühschoppen kommen. Ich schlafe wie ein Murmeltier.

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2. Tag: Wie eine Glasscheibe fällt der Regen
Am Morgen wandere ich um den Hittisberg und denke über meinen Umgang mit Medien nach: Twitter, Facebook, Wikipedia – schal, oberflächlich, unbefriedigend. Ich nehme mir vor, mich wieder tiefer mit Themen zu beschäftigen. Ich sehe Eschen – sie sterben wirklich. Ein Schlauchpilz aus Ostasien macht sie in ganz Europa fertig.

Am tiefsten Punkt opalfarben der Subersachstausee. Alles, was ich abwärts gegangen bin, muss ich nun wieder bergauf. Verwunschener Moorsee im Wald. Vorsäßhütten. In Schetteregg komme ich viel eher an als angegeben – vielleicht hätte ich Pause machen sollen. Schetteregger Hof. Mein Koffer steht im Zimmer. Unter dem Sonnenschirm gefällt es mir. Zwei Männer führen über Tische hinweg einen verbalen Schwertkampf: „Du gehst schon?“ – „Ich hab halt noch ein Familienleben.“ – „Gehst du morgen zur Festspieleröffnung?“ – „Meine Güte, euer Essen sieht gut aus.“ – „Wir haben auch was dafür getan.“ – „Ihr esst die Pilze, die wir nicht gefunden haben.“

Anita Albrecht, die junge Wirtin, rennt und lacht und ist zu jedem freundlich. Ihr Mann kocht. Sie haben vier Kinder. Das Hotel ist ein Familienparadies. Manchmal kommt die Welt hierher: Chinesische Gäste mit 16 Kindern, die Reiskocher aufstellen und auf dem Balkon kochen. Arabische Frauen, die im Pyjama ihre Kinder stillen und sich verschleiern, sobald sie den Hotelflur betreten.

Nach einem Mittagsschlaf bin ich endgültig tiefenentspannt. Seit 18 Stunden gart der Chef ein Pulled Pork. Die Egger Blasmusik nimmt unter dem Balkon Platz. Schwarze Wolken formieren sich um die Winterstaude. Nach fünf Takten Musik bricht das Gewitter los. Eine Böe klappt Sonnenschirme nach oben. Wie eine Glasscheibe fällt der Regen und zerspringt beim Aufprall in Splitter und Scherben. Fleisch auf dem Grill, Salatschüsseln, Posaunen und Trompeten. Jeder nimmt, was er zu fassen kriegt und rennt. Ich hinauf ins Zimmer: Hagelkörner überall. Mit fünf Handtüchern trockne ich den Boden. Als ich nach unten komme, gehen das Konzert und das Essen in der Stube weiter, als sei nichts gewesen.

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3. Tag: Ein Traktor steckt tief in einem Moorloch
Der Sonnenaufgang ist unbeschreiblich. Der Weg nach Schönenbach ein Highlight. Ich bin müde. Über dreißig Grad. Ich könnte in den Bus steigen und heimfahren. Aber brav bringe ich alle Kilound Höhenmeter hinter mich. Auf der Alpe Ostergunten steckt ein Traktor tief in einem Moorloch, ein anderer Traktor versucht ihn herauszuziehen: Männer und Söhne wie Orgelpfeifen. Ich lerne die Familie Metzler kennen, kaufe Bergkäse und schleppe ihn über den Stogger Sattel.

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Der Marsch nach Au ist zäh. Die Sonne knallt. Keine Blasen an den Füßen, aber trotz Sonnenschutz ein Hitzeausschlag. Mitten im Wald steht eine Kapelle mit einer „Schwarzen Madonna“. Dort ist es kühl. In Au steige ich in den Bus. Kinder belagern mich und fragen, ob ich wieder eine Geschichte schreibe. Sie hätten da Ideen von einem Bauernhof und einem Geheimgang, vom Vollmond und einem Goldschatz. Den trage ich mit nach Hause. Meine Fantasie fliegt wieder. Das Handy ist längst unter dem Käse vergraben.

Autorin: Irmgard Kramer
Ausgabe: Reisemagazin Sommer 2018

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