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Spanische Leidenschaft für Schnee

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Spanische Leidenschaft für Schnee

Was verbindet Andalusien mit seinen schneebedeckten Gipfeln in der Sierra Nevada über dem Alhambra-Palast in Granada mit der Bergwelt des Bregenzerwaldes? Das Skifahren, wie sich an Juan José Lapuerta zeigt.

Athletisch, mittelgroß und mit dem schwingenden Schritt eines Sportlers kommt Juan José Lapuerta mir entgegen. Die Treppen herunter und quer durch die riesige Eingangshalle der Seilbahnfirma Doppelmayr in Wolfurt. Hier kann man einander schon sehen, noch ehe es Sinn macht, eine Begrüßung zu brüllen. Als er endlich bei mir ankommt, sagt er in perfektem Deutsch: „Ich bin Juanjo.“ Seit sieben Jahren lebt die junge Familie Lapuerta – Juanjo, seine Frau Elsa und die beiden Kinder Carmen und Pedro – in Andelsbuch: „Skifahren, Berge und Seilbahnen sind meine Leidenschaften – und deshalb bin ich heute hier.“ Mit neun Jahren ist der Spanier in der Sierra Nevada zum ersten Mal auf Ski gestanden. Heute genießt er im Bregenzerwald nicht nur Berge und Natur, sondern vor allem die Nähe zu seinen Lieblings-Skigebieten: „Ich kenne alle großen sehr gut, und ich mag jedes aus einem anderen Grund.“

Um fünf Uhr früh in die Sierra Nevada

Majestätisch thronen die schneebedeckten Gipfel der Sierra Nevada über dem Alhambra-Palast in Granada. Wer Andalusien nur mit Gluthitze, Stränden und Flamenco verbindet, übersieht die mächtigen Gebirge im Süden Spaniens. Juanjo ist in einer kleinen Stadt nördlich von Granada aufgewachsen, inmitten der Berge eines großen Naturschutzgebietes: Sein Vater Juan Pedro arbeitete als Verwalter der Sierra de Cazorla. Schon als Kind war Juanjo Mitglied im Skiclub: „Um fünf Uhr früh ging es an Winterwochenenden mit dem Bus in die Sierra Nevada. Als Jugendlicher war ich auf den Buckelpisten zuhause und als Student Skilehrer. Heute liebe ich die steilen Pisten und atemberaubenden Tiefschneehänge des Bregenzerwalds. So wie früher vergeht kaum ein Wochenende, an dem ich nicht die Ski anschnalle.“ Juanjo ist begeisterter Könner einer alten Kunst aus den Pioniertagen des Skifahrens, des Telemark-Stils. Dessen Eleganz hat er immer schon bewundert. „Lange Schwünge, kurze Schwünge, steile Hänge, Tiefschnee, Buckelpisten: Ich mag alles!“ Sein perfektes Deutsch verdankt der 40-Jährige seinem Vater: Als Juanjo 14 Jahre alt war, befand dieser, dass es sinnvoll sei, wenn sein Sohn neben Englisch und zwei Musikinstrumenten eine weitere Fremdsprache beherrscht. „Anfangs haben wir gemeinsam Deutsch gelernt. Aber als die Grammatik immer komplizierter wurde, hat er wieder aufgehört“, erinnert sich Juanjo lachend.

Erster Seilbahnbaukurs in Granada

Nicht nur sein Faible für Sport und Natur, auch Juanjo Lapuertas Begeisterung für jene Technik, die heute sein Beruf ist, stammt aus Kindertagen: „Schon als Bub hat mich fasziniert, wie eine Seilbahn funktioniert.“ Also hat der zielstrebige Spanier während seines Bauingenieur-Studiums in Granada gleich noch einen Speziallehrgang für Seilbahnbau belegt. 2002 war er das erste Mal in Österreich, als Erasmus- Student an der TU Graz: „In Österreich gibt es Berge und Schnee, und man spricht Deutsch. Und ich kann gut Deutsch – so dachte ich. Dann habe ich am Grazer Flughafen jemanden nach dem Weg in die Stadt gefragt und kein Wort verstanden.“ Juanjo war an einen Steirer geraten. Motiviert durch seine Ausbildung in Seilbahntechnik und seine Leidenschaft für die Berge hat er sich nach Studienabschluss bei Doppelmayr Seilbahnen in Spanien beworben – ohne Erfolg. Also waren sieben Jahre lang Straßenbau und die Installation von Solaranlagen sein tägliches Brot. „An Weihnachten 2011, die spanische Wirtschaftskrise hatte gerade begonnen, haben meine Frau und ich mit einer ehemaligen Skilehrerkollegin von ihr zu Mittag gegessen. Sie ist die Leiterin der Niederlassung von Doppelmayr Spanien. Ich habe sie gefragt, ob sie nicht jemanden wie mich brauchen könnten. Nein, hat sie gesagt, in Spanien nicht, aber in Vorarlberg suchen sie einen Techniker, der fließend Deutsch und Spanisch spricht. Meine Frau warf ihrer Freundin noch einen ‚Sei bloß still!‘- Blick zu, aber da war es schon zu spät.“

Drei Monate später war klar: Das Ehepaar Lapuerta zieht nach Vorarlberg. „Österreich! Berge! Seilbahnen! Skifahren! Und ein neuer Dialekt!“ Juanjos ernstes Gesicht leuchtet. Seine Ehefrau Elsa hingegen, eine etablierte Physiotherapeutin, ehemals unter anderem Betreuerin der spanischen Damen-Ski-Nationalmannschaft, hatte sich in Granada in jahrelanger Arbeit eine gut gehende Physiotherapie- Praxis aufgebaut. „‚Elsa, ich werde Arbeit für dich finden‘, habe ich zu ihr gesagt. Das war ich ihr schuldig.“ Fündig geworden sind die Lapuertas sehr schnell: Ein Physiotherapeut in Andelsbuch hat Elsa sofort engagiert. „An diesem sonnigen Junimorgen sind wir von Dornbirn über das Bödele gefahren. Von dort oben haben wir in den Bregenzerwald geschaut und waren uns einig: ‚Wie schön!‘“

Der Skisport als langes Gebet

Heute braucht Juanjo von seinem Haus in Andelsbuch nur eine Viertelstunde, bis er auf Ski steht. Er wird ganz kribbelig, wenn er von seinen Lieblingsabfahrten erzählt: „Die große Runde von Mellau nach Damüls mache ich meistens gleich am Vormittag. Am liebsten mag ich die Abfahrt, die direkt auf die Damülser Kirche zuführt: Das ist fast wie Beten und Skifahren gleichzeitig.“ Mellau hingegen sei so etwas wie sein „Hausskigebiet“: „Nach Mellau komme ich fast jedes Wochenende. Hier habe ich meine fixen Lieblingsrunden. Die Lifte sind hier ein wenig kürzer: So verbringt man weniger Zeit am Lift und kann sportlicher fahren. Wenn ich hingegen traumhaften Tiefschnee möchte, ist Warth-Schröcken meine erste Wahl, und die Aussicht am Diedamskopf ist phänomenal.“

Weil der kleine Pedro noch ein Baby ist, fährt Juanjo am Wochenende vormittags zumeist allein. Dann geht es zurück nach Andelsbuch zum Mittagessen. Der Nachmittag gehört ganz seiner vierjährigen Tochter Carmen, die auch schon eine begeisterte Skifahrerin ist. „Gemeinsam fahren wir auf der Niedere in Andelsbuch Ski, aber auch in Mellau.“ Am Babylift in Andelsbuch muss er mittlerweile unten warten: „‚Ich fahre allein und du wartest hier!‘, befahl mir Carmen kürzlich“, lacht Juanjo. Zuhause in Andelsbuch wird Spanisch gesprochen, aber wenn Besuch da ist, wechselt die ganze Familie ins Deutsche. Carmen und Pedro wachsen als kleine Bregenzerwälder auf. Das hat auch für Juanjo Folgen: „‚Papa, es heißt nicht funf, sondern fünf!‘, hat Carmen neulich ganz streng zu mir gesagt – und ich wusste erst nicht, ob ich darüber jetzt lachen oder weinen soll.“ So heimisch, so eingelebt, so begeistert von seiner neuen Heimat klingt er, dass man sich wundert, ob er Spanien nicht vermisst. Hat er Heimweh? „Manchmal schon“, sagt Juanjo und denkt nach. „Mir fehlen meine Familie, meine Freunde, das Wetter und die Sonne. Aber vor allem: die andalusischen Tomaten!“

Autorin: Babette Karner
Ausgabe: Reisemagazin Winter 2019-20

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