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Natters Wanderungen

Natters Wanderungen

Der Philosoph und Schriftsteller Peter Natter ist unterwegs, um zu erfahren, was Natur uns bedeuten kann.

6000 Fuß jenseits von Mensch und Zeit hat der philosophierende Wanderer und wandernde Philosoph Friedrich Nietzsche im 1881 im Engadin seinen idealen Erkenntnisort gefunden. Also in gut 1.800 Meter Meereshöhe auf einer seiner zahlreichen Wanderungen während der Sommerferien in der Schweiz. Weil man sich seine Wahrheiten nicht ersitzt, sondern ergeht, wie der große Denker formuliert hat. All den flüchtigen Ernst der Menschen wollte er in den Bergen aufgehoben wissen und eintauchen in das Bleibende. Fast hätte ich gesagt: So wie ich, auf Baumgarten oberhalb von Bezau. Nur jenseits der Menschen muss ich mich noch bringen. Das ist gar nicht so leicht, jetzt, mitten in der Alpzeit. Mit einem ordentlichen Fußmarsch, denke ich, sollte es machbar sein. Und jenseits der Zeit? Das ist vergleichsweise einfach, zumindest für die knapp 48 Stunden, in denen ich es mir zum Ziel gesetzt habe, den Bregenzerwald jenseits der Bregenzerwälder zu erleben. Ich starte an einem makellosen Sommertag. Die Wetteraussichten für die kommenden Tage sind gut, ein stabiles Hoch sorgt für das ideale Ambiente, eventuell ein schönes Donnerwetter am Abend eingeschlossen. Isomatte und Schlafsack, Proviant und Taschenlampe sind dabei, dazu Wanderkarten und, ganz wichtig: Lektüre. Am frühen Nachmittag bin ich mit dem Postbus nach Bezau gefahren. So bleibt noch Zeit für einen Espresso in einem schattigen Gastgarten.

Spätnachmittags schließlich mit der letzten Bahn hinauf nach Baumgarten. Ich fliehe die Menschen nicht, ich möchte nur ein paar Stunden für sie nicht da sein, möchte sie so erleben, wie sie ohne mich sind, aus der Ferne. Unverfälscht und ungestört. Ich möchte den Wald und die Wälder so sein lassen, wie sie immer waren. Für den Einstieg in mein Projekt ist diese Gegend hier, zwischen Bezau und Egg-Schetteregg, ideal. Vor allem deshalb, weil die Menschen immer nahe genug sind, noch näher ihre verlässlichen Spuren: Güterwege, Weidezäune, Alphütten, Hochstände. Für heute will ich es bald gut sein lassen. Ich gehe der Höhe entlang nach Osten, die untergehende Sonne im Rücken. Sie wärmt auch so. Noch mehr aber vergoldet sie alles, was vor mir liegt. Ein Stück aufwärts führt der Weg noch, Nietzsches 6000 Fuß entgegen. Nach einer Stunde steht am Waldrand ein leerer Heustadel, nicht ganz leer, Reste von Heu ergeben ein fast schon gemütliches Nachtlager. Auf jeden Fall eines, das ich für kein Hotelbett eintauschen möchte. Übermorgen dann vielleicht. Weil Hunger der beste Koch und frische Bergluft ein unersetzbarer Aperitif ist, schmeckt das Abendbrot erstklassig. Weit, sehr weit und vor allem frei schweift der Blick in alle Richtungen. Jetzt, da die Sonne unterund die Tierwelt entweder zur Ruhe oder in Lauerstellung übergegangen ist, überwältigt mich die Stille. Bald ist es ganz dunkel. Die paar in der Ferne leuchtenden Lichter möchte ich nicht missen. Sie erzählen mir lange Geschichten. Ein von weiß Gott woher ziehender feiner Geruch nach Rauch und Feuer verstärkt die Empfindung, wundersam tief eingetaucht zu sein in die Seele dieses Landes. So könnte hier vor ein paar Hundert Jahren einer meiner Vorfahren gesessen sein, ohne alle Absichten und mit umso mehr Aussicht. Ob es die Sonne ist, die mich weckt, spielt keine Rolle.

Wahrscheinlich ist es einfach dieser Morgen mit seinen vielfältigen Geräuschen. Gesang, wirklicher Gesang der Vögel, summende Fliegen, brummende Käfer, fernes Bimmeln der Alpvieh-Glocken, sogar ein Kirchengeläut hat es bis zu mir herauf geschafft, da ist es sechs Uhr morgens, die Sonne steht schon am Himmel. Ich breche mein Lager ab und frühstücke ein paar Bissen, trinke Wasser. Entgegen der ursprünglichen Absicht drängt es mich zu einer richtigen Wanderung. Ich kann der Winterstaude einfach nicht widerstehen. Allerdings will ich an ihrer Südseite entlang in einem großen Bogen mein zweites Nachtquartier ansteuern. Den Wanderpfad, der schön markiert dem Gipfel zuführt, verlasse ich bald und wandere querfeld- und querwaldein der Nase nach. Auf die Uhr schaue ich selten, aber immer wieder um mich. Ein Gefühl des Aufgehobenseins, der Verwobenheit mit dem Land macht sich breit. Ich male mir aus, was sich zur Stunde alles tut drunten im Tal. Das Leben steht ja nicht still. Noch einmal werde ich meinen Vorsätzen untreu und kehre am frühen Nachmittag in einer Alphütte ein. Der Senn ist dabei, das Käserei-Geschirr zu waschen. Flache hölzerne Gefäße stehen in langen Regalen, blitzblanke Tücher flattern im Wind. Ein Glas Milch, ein Stück Käse, Butter, ein paar Scheiben Schwarzbrot.

Niemand fragt mich nach Herkunft oder Ziel. Ich bin den Männern so selbstverständlich wie sie sich selbst, wie ihre Arbeit, die ihren Tag einteilt und ihre ganze Kraft erfordert. Gestärkt nehme ich meinen Waldgang, meine Übung bald wieder auf, direkt in den langsam zu erahnenden Abend hinein. Wenn ich die Wanderkarte richtig lese, habe ich jetzt die 6000 Fuß erreicht und bereite mich auf eine Übernachtung unter freiem Himmel vor. Der majestätisch seine Bahn ziehende volle Mond und die Sterne tun das Ihre, um mir, je dunkler es wird, die Augen aufgehen zu lassen für die den Tag über gesammelten Bilder, von der Damülser Mittagsspitze zum Pfänder und vom Bödele zu den Gottesackerwänden, vom Fernsehturm zur hoch aufragenden Felspyramide, von den Gerüchen zu den Farben. Es mögen Stunden sein, die ich so liege und in den Himmel schaue. Ab und zu holt mich der Schrei eines Uhus zurück oder ein Rascheln im trockenen Laub. In dem Maße, wie ich abgerückt bin von allem da drunten, von allem, was ich davon weiß, kann es erneut auf mich zukommen, kann ich es sehen vor der Folie des Sternenzeltes in seiner ureigenen Gestalt. Und vor allem: kann ich mich freuen darauf. Endlich verstaue ich meine Brille im Rucksack und überlasse mich ganz der Nacht.

Für das letzte Frühstück wandere ich der aufgehenden Sonne entgegen auf den Nägelekopf. Lange sitze ich auf dem Grat. In alle Himmelsrichtungen schweifen meine Blicke, in viele Gegenden meine Gedanken. Womit ich nicht gerechnet habe: Es zieht mich mächtig zu den Menschen. Das Wilde, Einfache und Einsame der vergangenen Stunden hat mir zu Bewusstsein gebracht, wie nah die Kultur der Talschaft mmer noch am Ursprung ihres Werdens geblieben ist, wie sie ihren Weg geht. Ein Weg so absichtslos und in sich ruhend wie der meine, hinunter über den steilen Pfad zur Isewart-Alpe und am Eggatsberg-Vorsäß vorbei ins Amagmach. Beinahe wundere ich mich über mich selbst: wie freundlich ich allem begegne, was mit Menschen zu tun hat. Das war eine gute Übung, und gelungen ist sie auch noch! Mein Plan ist aufgegangen, restlos, wie eine simple Division: Mein Dasein geteilt durch das Tun der andern ist das Leben.

Das Fazit? Wenn ich besonders alles Sentimentale, das unsereinen schon nach wenigen Stunden Alleinsein überfällt, also noch in der ersten Hälfte der ersten Nacht, wegstreiche, und auch das Romantische, den Mondschein, die Sterne, den Sonnenuntergang oder die pure Natur, wenn ich versuche, so nüchtern zu resümieren, wie man den Bregenzerwäldern zu sein nachsagt, dann waren diese zwei Tage zum einen ein immenser Zugewinn an Ruhe und Erkenntnis; zum andern, und darum ist es mir in erster Linie zu tun, ein unschätzbar wertvoller Blick in die Seele dieser Region. Weil nur in der Stille und Einsamkeit hörbar wird, was die Dinge erzählen. Wenn auch ihre Sprache nicht unsere ist: Wir können sie lernen.

Autor: Peter Natter
Ausgabe: Reisemagazin Sommer 2014

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