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In die Familiengeschichte gehen

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Wandern ist für viele von uns einer der wichtigsten Wege zur Inspiration. So schrieb der Philosoph Friedrich Nietzsche: „Unsere Gewohnheit ist, im Freien zu denken – gehend, springend, steigend, tanzend, am liebsten auf einsamen Bergen und dicht am Meere, da wo selbst die Wege nachdenklicher werden“.

Die Wanderschuhe sind angezogen, der Rucksack mit genügend Proviant auf dem Rücken, erste Schritte mit meinem Vater Willi in der morgendlichen Bergluft. Noch herrscht auf dem Parkplatz in Schönenbach zwischen uns Stille, Müdigkeit und Kälte sitzen in den Knochen. Doch sobald wir Schönenbach durchwandert haben und die Vorsäßsiedlung hinter einer Kuppe auf dem Weg zu unserem Tagesziel, dem Hohen Ifen, verschwindet, beginnen die Worte zu fließen. Oberflächliche Themen werden schnell aufgegeben, das Gespräch erreicht Tiefe. Hoch oben auf dem Berg wandernd, umringt von der spektakulären Gesteinsformation des Hohen Ifen, spricht es sich besser als an einem Tisch.

Vor uns liegt eine lange Wanderung, in Zukunft werden wir noch oft davon erzählen: über das Erklimmen des Gipfels, von dem langen Weg zurück – auf dem wir uns, den Wegangaben vom Vater sei Dank, sogar etwas auf dem Gottesackerplateau verlaufen – und den Steinböcken, denen wir unterwegs begegnet sind. Das Phänomen des Wanderns als Rahmen und Grundlage für Erzählungen ist Wanderbegeisterten, aber auch großen Denkern bekannt. Schriftsteller wie Johann Wolfgang von Goethe, Hermann Hesse oder Thomas Bernhard ließen sich beim Wandern inspirieren. Gedanken, Gegenwärtigkeit, Gespräche und Geschichten sind mit dem Akt des Gehens eng verbunden.

Wie Wandern das eigene Denken anregt

Bei genauerer Betrachtung ist das nicht verwunderlich. „Wenn wir gehen, (…) kommt mit der Körperbewegung Geistesbewegung“, schreibt der österreichische Schriftsteller Thomas Bernhard. Neurowissenschaftliche Studien beweisen, was er durch eigene Erfahrung erkannt hat: Das Bewegen in freier Natur mit gleichmäßigem Schritt regt das Denken an. Durch die rhythmische Bewegung des Schreitens wird das Gehirn aktiviert. Das liegt an seiner ursprünglichen Funktion: Im evolutionären Prozess ist es darauf ausgelegt, den Organismus zu bewegen. Überspitzt formuliert könnte man also sagen, das Gehirn ist zum Gehen gemacht. Das Gehen fördert die Aktivierung des Gehirns und hilft bei der Formulierung von abstrakten Gedanken. Außerdem bringt das Wandern den Kreislauf in Schwung, ohne dabei die gesamte Aufmerksamkeit und Konzentration auf sich zu ziehen, und bietet so ideale Voraussetzungen für das Denken.

Wandern kann den Wandernden auch ins Hier und Jetzt katapultieren. Wir sind heute allzu sehr an die gebeugte Position vor dem Computer gewöhnt, und Landschaften werden höchstens zum Bildschirmhintergrund. Durch die Aktivierung des Körpers und durch die für die meisten von uns nicht alltägliche Umgebung der Berge können wir die Umwelt intensiver wahrnehmen. Wie wichtig die sinnliche Wahrnehmung für das Verständnis der Welt ist, erklärt der französische Philosoph Maurice Merleau-Ponty. Was man sieht, hört, fühlt, riecht und schmeckt, stellt unsere Verbindung zur Umwelt her. Ohne sie verlieren wir die Bodenhaftung. „Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen“, formuliert der deutsche Dichter Johann Wolfgang von Goethe einen ähnlichen Gedanken. Diese Verbindung zur Umwelt, die physische Wahrnehmung der Textur des Bodens, des Spiels der Lichter auf dem Waldboden oder das Streifen eines Astes am Oberarm, diese Gegenwärtigkeit führt uns auch zur Gesprächigkeit.

Wandern ermöglicht uns gemeinsame Gespräche

Wandern bringt uns durch den rhythmischen Schritt, eine erhöhte Wahrnehmung und die gefühlte Gegenwärtigkeit zum Reden. Dabei ist es vorerst völlig egal, ob diese Erzählung an ein Gegenüber gerichtet ist oder ob wir selbst das Publikum des Gedachten sind. Die Erzählung macht uns Menschen aus, denn erst dadurch setzen wir Begegnungen, Orte und sinnliche Erfahrungen in einen Zusammenhang, erst durch die Erzählung wird aus der einfachen Beobachtung ein Erleben. Wer allein unterwegs ist, kann dank dieser Dynamik interessante gedankliche Monologe erfahren.

In der Gruppe, so wie ich mit meinem Vater und dem Hund, erleben wir den Effekt der Bewegung in der freien Natur auf die Redseligkeit. Was den Menschen im Norden ihre Sauna ist, kann den Alpenländern der Berg sein. Hier kommst du nicht aus, stehst am Berg und oft ohne Handyempfang, keine Störgeräusche des Alltags unterbrechen das Rauschen des Windes, das Zirpen der Grillen und das Rascheln des Grases. Wenn mancher Wandernder wie wir heute zu Beginn in der kalten Morgenluft noch wortkarg sein mag – nach den ersten Schritten in der Natur kommen einem die Worte von selbst.

Wandern bietet nicht nur den idealen Rahmen für das Erzählen, die Parallelen zwischen der Struktur einer Geschichte und der Struktur einer Wanderung erklären möglicherweise auch die Beliebtheit des Wanderns bei Schriftstellern. Neben aufregenden Erlebnissen und dem Eintauchen in beeindruckende Szenerien bieten Wanderungen eine ideale Vorlage für eine Geschichte: der Aufbruch auf dem unbekannten Pfad vor sich; Wandergefährten, die man näher kennenlernen will; ein Weg voll Sehnsucht nach einem Gipfelerlebnis; das Überwinden natürlicher Hindernisse wie Grate, Sättel und Pässe; das Ausloten eigener Grenzen und schließlich der Höhepunkt nach dem Gipfelsturm.

Kein Wunder, dass sich Dichterinnen und Schriftsteller Inspiration auf dem Berg holen. Der in Deutschland geborene Schweizer Autor und Literaturnobelpreisträger Hermann Hesse beschreibt in seiner Sammlung „Wanderung“, wie er während einer Wanderung im Schweizer Tessin vom Norden in den Süden kommt und sich dabei vom Bürgerlichen zum Abenteurer wandelt. Das Überschreiten des Passes erzählt er so: „Noch hat mein Blick die Wahl, noch gehört ihm Nord und Süd. Nach fünfzig Schritten wird nur noch der Süden mir offenstehen. Wie atmet er geheimnisvoll aus bläulichen Tälern herauf! Wie schlägt mein Herz ihm entgegen!“

Solche Charakterwandlungen findet man auch auf den Wegen rund um Schönenbach: Wandert man zur Alpe Wölflersgunten, so geht es zunächst auf einer Forststraße durch einen Mischwald, dessen Blätter das Licht auf dem Boden tanzen lassen. Bald wird die Forststraße zu einem schmalen Pfad, der, sich an einen Felsen schmiegend, zu einer Alpe hinaufführt, die in einer Senke liegt und Wind und Wetter zu trotzen scheint. Die Evolution eines Charakters verläuft oft auf ähnlichen Bahnen. Von der sanftmütigen, naiven Person, die ohne Hindernisse auf breiten Pfaden wandelt, entwickelt sich ein Charakter durch das Überwinden eines spektakulären, aber beschwerlichen Pfades zu einer starken, durch die Erfahrung geprägten Person. Der französische Kommunikationstheoretiker Michel Serres geht sogar so weit, zu sagen: „Man schreibt mit den Füßen“, und meint damit den Rhythmus des Gehens, der auch in vielen Gedichten den Rhythmus der Verse vorgibt.

Wanderungen bleiben uns lange im Gedächtnis

Erzählungen verbinden auch Zeit und Raum. Mit dieser Thematik setzt sich der britische Schriftsteller Robert Macfarlane in seinem Buch „Alte Wege“ auseinander. „Auf alten Wegen wird die Vergangenheit greifbar“, schreibt er, greifbar durch den „Leim“ der Erzählung. Im Bregenzerwald wird dies etwa auf dem Sagenweg von Alberschwende nach Andelsbuch deutlich. Auf alten Saumpfaden wandert man auf den Spuren der sagenhaften Ilga und ihrer Brüder Merbod und Diedo, die im elften Jahrhundert im Bregenzerwald die Christianisierung vorangetrieben haben. Unsere Verbindung in Raum und Zeit mit diesen Geschwistern wird durch kleine Erzählungen auf sogenannten Sagentafeln an verschiedenen Orten deutlich. Doch auch unsere persönlichen Erfahrungen bei Wanderungen können Zeit und Raum verbinden. Wer einen Weg mehrmals geht, reichert seine Erfahrung von den räumlichen Gegebenheiten und zeitlichen Erlebnissen ständig an.

Das kann wie bei uns Grebers sogar zur Familientradition werden: Ein Ort oder Weg, der von mehreren Generationen erwandert wird, wächst zum Schatz vieler persönlicher Erzählungen und verbindet die Generationen mit den Geschichten über ihn. Dieses Phänomen erlebe ich immer wieder, denn über Generationen hat meine Familie das Gebiet rund um Schönenbach bewandert – und ihre Geschichten legen sich für mich wie Spinnweben über die Landschaft. So kann ich keinen Schritt über den Wasserstandsmesser setzen, ohne meinen Vaters zu hören, der von den Wassermassen eines Hochwassers erzählt, das er hier in seiner Jugend erlebt hat.

An der Alpe „Tiefer Ifen“ vorbeiwandernd, denke ich daran, wie meine Uroma Emma, schon sehr alt und stämmig, noch eine letzte Wanderung hier herauf unternommen und meine Oma voller Sorge auf sie gewartet hat. Auch die Wanderung auf den Hohen Ifen, wo wir uns auf dem Gottesackerplateau verirrt haben, wird in die Familiengeschichte eingehen, in einer Reihe mit den Geschichten meines Vaters und dessen Brüdern über die Besteigungen des Hohen Ifen.

Wanderungen liefern durch ihre Struktur und ihre Erfahrungen, bisweilen sogar Abenteuer, einen natürlichen Gesprächsstoff. Die spannendsten Erzählungen ergeben sich, wie jeder weiß, aus Irrungen und Wirrungen unterwegs. Die schrecklichste Wanderung ermöglicht die aufregendste Geschichte. Auf jeden Fall aber regen uns Wanderungen zum Reden und Erzählen an, auch währenddessen. Durch die Gegenwärtigkeit und Erfahrung der Landschaft mit unseren Sinnen, vor allem aber beim Denken und Reden unterwegs, graben sich Wandererlebnisse tief in unser Gedächtnis. So kommen wir am Berg der Inspiration zur Erzählung, ob autobiographisch oder fiktional, ob unmittelbar mit einem Gegenüber oder als Inhalt einer Geschichte, mit jedem Schritt näher.

Autorin: Hannah Greber
Ausgabe: Reisemagazin Bregenzerwald – Sommer 2021

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