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Bregenzerwald bei Müselbach © Walser-image.com / Vorarlberg Tourismus

Lebensraum Bregenzerwald

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Lebensraum Bregenzerwald

Den Bregenzerwald bereisen heißt zunächst immer, Höhen zu überwinden: von Bregenz aus den Pfänder, vom Rheintal die 500 m aufsteigende Talflanke, von Norden den Sulzbergstock, von Osten Riedberg- oder Hochtannbergpass, von Süden Furka- oder Faschinajoch. Immer geht es hinüber und – von Norden und Westen am eindrucksvollsten – schließt sich dann ein Raum auf, der – in sich vielgestaltig – nach außen deutlich geschieden ist mit der Bregenzerache als verbindendes Band.

Ihrem Lauf folgend wechseln sich Talengen und flache Senken – weit zwischen den Hügeln des Voralpenlandes um Alberschwende und Lingenau, enger zwischen den Bergen der Voralpen um Andelsbuch und Bezau, eingezwängt zwischen den hochalpinen Gipfeln von Kanisfluh, Diedamskopf, Zitterklapfen und Widderstein um Schnepfau, Au, Schoppernau, Warth und Schröcken. Dies entspricht der Gliederung in Vorder-, Mittel- und Hinterwald – ein topographisches Spektrum, das Reisende zu Beginn des Tourismus das „reizende Gelände“, gleich einem „abgeschlossenen Park“ preisenließ, zugleich erschaudern vor dem „sibirischen Exil“ am wilden Oberlauf der Ache. Eine Talschaft der Kontraste, Grenzen, Übergänge.

Übergänge

Grenzerfahrungen prägen auch die Bewohner, man weiß sich von draußen zu unterscheiden. Doch nie reichten die knappen bäuerlichen Flächen drinnen, die Bevölkerung zu ernähren. Man musste sich in Bewegung setzen, Grenzen überschreiten, Haus und Hof verlassen – sei es, in Form der Binnenwanderung alpiner Viehwirtschaft, sei es in Form saisonaler Wanderarbeit, Auspendler oder Auswanderung (besonders im 19. Jhdt. nach Amerika). Beweglichkeit, Tüftlertum und Selbsthilfe waren unerlässlich, die Not zu wenden. Lange ist die Gegend kaum besiedelt – nur Flurnamen lassen hier die Grenze von keltischer und rätoromanischer Kultur vermuten.

Erst im Hochmittelalter treibt das Kloster Mehrerau von Bregenz die Bregenzerache aufwärts die Besiedlung voran. Von oben, entgegenkommend begegnet mit den Walsern eine zweite Siedlungsbewegung. Der „Wald“ im Namen macht deutlich, wie wenig erschlossen dieser Siedlungsraum lange war. Den Bewohnern freilich gereichte diese „Weltferne“ durchaus zum Vorteil: Für die feudale Herrschaft bestenfalls als Jagdgebiet interessant, konnte sich eine weitgehende Selbstverwaltung entwickeln, die als „Bauernrepublik“ in die Literatur einging. Zu Ende ging sie mit der kurzen bayerischen Besatzung (1806 – 1814) infolge der Neuordnung Europas durch Napoleon.

Hartkäse und Spitze

In dieser Zeit entwickelt sich das Bild der Gegend, wie es einem heute begegnet. In der Landwirtschaft setzen sich rationelle und merkantile Verfahren durch, die Vereinödung prägt Vorder- bis Mittelwald, die Hartkäserei breitet sich aus – so nachhaltig, dass hier die erste Sennereischule im Habsburger Reich entsteht. Die neuen Herren sind die Käsebarone, die mit den Produkten der neuen Landwirtschaft sagenhafte Reichtümer anhäufen oder Textilverleger, die den Stoff der textilen Heimindustrie liefern, bevor die Eisenbahn ab 1902 die Fabriken im Rheintal mit Arbeitskraft beliefert. Immer sind solche Umwälzungen von Widerstand begleitet – Franz Michael Felder, Schriftsteller und Wortführer des Aufbegehrens, ist noch heute als eine außergewöhnliche Persönlichkeit im Tal präsent – entsprechend zäh wird am eigenen Haus und Hof festgehalten. Dazu müssen immer wieder neue Erwerbsquellen erschlossen werden – die Fülle handwerklicher Fertigkeiten legt davon Zeugnis ab.

Diese Kultur hat ihre Vitalität erhalten können. Innovation, Beweglichkeit auf der Basis von Erworbenem setzen sich heute fort in Initiativen wie dem Werkraum und haben den Bregenzerwald zu einer europäischen Musterregion werden lassen.

Senn

Die Einführung der Hartkäserei ab Mitte des 18. Jhdt. hat nicht nur neue Verdienstmöglichkeiten eröffnet, sondern auch den Bauern verändert. Gerade anfängliche Misserfolge belegen, wie viel Schweiß und Tränen das Einüben von Hygienevorschriften, komplexen Abläufen und exakten Zeitvorgaben kosteten. Der Senn wurde ein Fachberuf von hohem Ansehen mit umfassendem Erfahrungswissen, dessen Lebensumstände ihm abverlangten, was wir heute etwas dürr interdisziplinär nennen. Für Franz Michael Felder, den Dichter aus Schoppernau, ist er „ein Tausendkünstler: Schuhflicker, Tierarzt, Wäscher, Zimmermann, Schneider, Philosoph und sonst noch viel mehr.“
Bereits ein Jahrhundert zuvor hat die Talschaft vorgemacht, dass man sich angesichts karger Umstände selbst zu helfen hat: Mit der Auer Zunft entsteht aus dem Nichts ein neuer Wirtschaftszweig: Architektur und Baugewerbe. Aus dem Nichts? Auch wenn die Quellen dieser Bewegung im Dunkeln sind, gewiss ist doch, dass sie von der aus Not und dem daraus erwachsenen Talent des Bauern zehrt, sich selbst zu helfen. Was die Baukünstler hinzufügen: eine über Jahrhunderte gepflegte künstlerische Übung.

Bauernpalast und Stube

Doch keiner der Großbauten steht im Bregenzerwald selbst: Die errichtet man „draußen“, „drinnen“ kümmert man sich um Haus und Hof, sucht den Wohlstand zu mehren und zeigt ihn mit zurückhaltendem Stolz. Als im frühen 19. Jhdt. die Landwirtschaft vor allem im Vorder- und Mittelwald aufblüht, entstehen neue Bauernhäuser, die bald Bauernpaläste heißen und in der einschlägigen Literatur zu den prächtigsten des Alpenraums zählen. Nun wird der Blockbau verschindelt, Fenster und Türen werden der Biedermeierzeit entsprechend zart geschmückt, vor allem aber leistet man sich eine getäferte Stube, hell dank großer Fenster, behaglich dank Kachelofen, gemütlich dank besonderer Möbel. Das Kanapee ist ein solches, und um die Jahrhundertmitte explodiert die Fertigung dieses Möbels geradezu, um nach wenigen Jahrzehnten zu versiegen: Meist abends in Heimarbeit von „Laien“ gefertigt, sind sie heute gesuchte Sammlerstücke. Oder die Öfen: Die kunstvollen Kacheln kommen meist von ortsansässigen Hafnern, die in diesem Jahrhundert ihre Blüte erleben.

Schmuck und Geschmack

Dann die Bezüge und Stoffe: die Textilverarbeitung, erst Weben, ab etwa 1760 Sticken und Klöppeln für Verleger aus St. Gallen, ist bald so lukrativ, dass gelegentlich die Landwirtschaft liegen bleibt; ein erneuter Aufschwung folgt auf die Einführung der „Pariser Maschine“ ab 1865. Das wirkt bis heute: Die Stimmung der Wälderstube ist nicht denkbar ohne die weißen, feinst gestickten Gardinenspitzen. In der Regel werden diese Fertigkeiten im eigenen Haushalt ausgeübt und bleiben dem Haus verpflichtet. Man umgibt sich mit eigener Kunstfertigkeit. Das gilt auch für die Kleidung. Die hiesige Tracht ragt unter den alpinen heraus: aufwändig, streng, stolz – zuerst springt die Juppe ins Auge: Ein in unzählige Falten gelegtes, in vielen Schritten geglättetes, vier Meter langes schwarzes Tuch ist der Rock, lediglich mit einem leuchtend blauen Band verziert. Dann ein halbes Dutzend Kopfbedeckungen. Mit dem kunstvoll besticktem Brusteinsatz, der nicht zuletzt die soziale Stellung anzeigt, ist der ganze Zauber noch lange nicht zu Ende. Inspiriert von der spanischen Hofmode des 18. Jhdt., verlangt die Tracht der Trägerin noch heute Haltung ab.
Noch mehr auf den Leib rückt der Zauber, wenn’s in die Küche und zu Tisch geht. Was Land und Garten hergeben, wird kultiviert – der Käse etwa aus der größten silagefreien Milchregion sucht seinesgleichen. Und was Verfeinerung bewirkt erlebt, wer die Käseknöpfle mit Kässpätzle vergleicht. Wen wundert’s, dass der Bregenzerwald heute weit und breit das Land mit der größten „Hauben“dicht ist? Dass hier, wo noch jeder Dritte einem Handwerk nachgeht, diese verfeinerte Alltagskultur den goldenen Boden legt?