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Vom einfachen Leben

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Vom einfachen Leben

Der Philosoph Peter Natter nimmt sich ein Buch im Bregenzerwald vor und liest es mit Blick auf seine unmittelbare Umgebung. Diesmal: „Phèdre“ von Jean Racine.

Diesmal habe ich eine 350-jährige französische Tragödie ins Siebaner Hüsle mitgenommen. Eine Story aus der Antike und der Bregenzerwald? Ob das kompatibel ist? Aber natürlich! Der Reihe nach: Mein Bregenzerwald, so fängt die Sache an, ist eine einigermaßen mystische, eine archaische Angelegenheit. Er hat nichts zu tun mit Sterneköchen, nichts mit Wellness und nichts mit Wachstumsstrategien. Mein Bregenzerwald ist einer der Menschen und der Landschaft; er ist ein Bregenzerwald, in dem Zahlen absolut keine Rolle spielen. Dass es neben meinem Bregenzerwald auch noch andere geben kann, darf und muss, ist mir klar. So groß ist er allemal, dass da Mehreres Platz findet, oder? Wenn wir außerdem ernst machen mit dem Gemeinplatz, wonach alles zwei Seiten hat, dann sind wir schon sehr nahe daran, den Bregenzerwald als Kulturregion im ältesten und gänzlich unpolitischen Sinn mit einer der großen Tragödien der Weltliteratur, mit Göttern, Königen und großen Leidenschaften zusammenzuspannen. Das Drama „Phèdre“ von Jean Racine (1639 – 1699), am Neujahrstag 1677 in Paris uraufgeführt, wurde vom deutschen Dichter Friedrich Schiller ins Deutsche übersetzt. Der Plot lässt sich in wenigen Sätzen resümieren: Es geht um die so verbotene wie unerwiderte Liebe von König Theseus’ Gattin Phädra für ihren Stiefsohn Hippolyt, die sie diesem gesteht, als die Nachricht von Theseus’ Tod die Runde macht. Doch der totgeglaubte Gatte taucht wieder auf und die Situation eskaliert. Phädra versucht, die Verantwortung für ihre Liebe zu leugnen, beschuldigt Hippolyt, sie bedrängt zu haben. Im letzten Akt kommt es zum unvermeidlichen Showdown. reisemagazin bregenzerwald · 29 So weit, so schlecht. Das Faszinierende an dem Werk, im Original wie in der Übersetzung, ist die Kunst, mit der von Racine und Schiller grundlegendste, pure, nackte Emotionen in Sprache umgesetzt worden sind; zudem in eine Sprache, die nach strengen Regeln geformt ist, bei Racine in genau 1.654 paarweise gereimte Alexandriner, also Verse wie diesen vom deutschen Dichter Andreas Gryphius: „Du siehst, wohin du siehst, nur Eitelkeit auf Erden.“ Wer einmal versucht hat, auch nur einen ganz banalen Gedanken in einen nicht allzu schwindligen Reim zu kleiden, kennt die Problematik wenigstens ansatzweise.

Literatur geht darauf aus, das menschliche Geschick, das reine Menschsein in seinem Kern und in seiner Blöße darzustellen. Um Menschen in ihrem unmittelbaren Betroffen- und Lebendigsein darzustellen, genügt dem Autor eine minimale, geradezu alltägliche Sequenz. Racines Tragödie und Schillers Übersetzung lesen sich so spannend wie ein Krimi und sind so dramatisch, wie ein Hollywood-Blockbuster nie sein kann. Mit gerade einmal acht Personen und einem einzigen Schauplatz, dem Palast von König Theseus, zeigt Racine, wozu Menschen fähig sind, wie mit ihnen umzugehen ist und worauf es ihnen wirklich ankommt. Kurz, was zählt, wenn es nicht um Zahlen geht. Das Archaische, das ich vorher dem Bregenzerwald, meinem Bregenzerwald, zugesprochen habe, zeigt sich in einer Übereinstimmung der Landschaft mit den in ihr wirkenden Menschen und ihrer Ergebenheit vor der Natur, die alles andere als ein Spielraum ist und auch wenig solchen lässt. Die Tragödie reduziert das menschliche Tun und Sein auf solche Kargheit. Natürlich landet eine derart radikale Reduktion des Menschlichen in der Präsentation unvermeidbarer, unentwirrbarer und scheinbar unerträglicher Schicksale unweigerlich im Philosophischen. Aber tut das nicht auch jeder, der an einem Ort im Bregenzerwald – sei es im Achtal oder auf den Höhen der Berge, sei es in einem alten oder revitalisierten Wälderhaus oder auf einer Alphütte – sich eine Zeit lang seinen Gedanken und Gefühlen, seinen Instinkten, Emotionen, Wahrnehmungen und Träumen überlässt? Wie schreibt der Philosoph Friedrich Nietzsche: „Nicht, woher ihr kommt, mache fürderhin eure Ehre, sondern wohin ihr geht.“ Seien die Juppen noch so prächtig und die Tannen noch so mächtig: Nicht einmal der Bregenzerwald ist ein Pfuhl, in dem man sich ungestraft suhlt. Er ist, wenn es geschickt angepackt wird, eine prächtige Basis, die einen langen Anlauf erlaubt: Hinaus und hinauf und hinein ins große Ganze des Menschseins, wie es in Racines Tragödie zum Vorschein kommt. Was das heißt? Das heißt zum Beispiel, dass es keine faulen Kompromisse und keine Feigheit gibt; dass die Dinge, wenn sie einmal ausgesprochen sind, was alles andere als leichtfertig geschieht, auch gelten. „Wer erkannt hat, was groß ist, muss auch danach handeln“, hat der ungarische Literaturnobelpreisträger des Jahres 2002, Imre Kertész, prägnant formuliert. Das macht einen wesentlichen Aspekt meines Bregenzerwaldes aus: Handeln und Wissen, Tun und Gewissen, Emotion und Ratio decken sich. „Die Hand ist rein. Wär’ es mein Herz, wie sie!“, bringt Phädra ihr tödliches Dilemma auf den Punkt. Die unvermeidliche Kehrseite der Reduktion auf das Große, das Wesentliche, das Ursprüngliche, die Kehrseite des Archaischen, des Guten und Echten, jene Kehrseite, die nie zur Gänze zu eliminieren ist, ist das Primitive, das Banale, das Gedankenlose, der Kitsch. Das Gegenstück zur Natur, auch zur Natur als Lebensraum, ist die Unkultur der Unzivilisiertheit, also aus dem Ruder gelaufene Zivilisation. Da kann man nicht genug aufpassen bei dem, was man tut. Klassiker zu lesen fördert Sorgfalt, denn es geht beim Tun und Sein um das Lebensgefühl, um die Frage, wie es ist, ein Mensch zu sein. Und das ist bekanntlich „nicht so einfach“, meint zumindest der Philosoph Ferdinand Fellmann, aber für Menschen unumgänglich. Darin wiederum besteht Kultur, nämlich laut Fellmanns Kollegen Andreas Steffens in der „menschlichen Gestaltung des Unvermeidlichen“. Nicht nur Phädra weiß ein Lied davon zu singen.

Autor: Peter Natter
Ausgabe: Reisemagazin Sommer 2019

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