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Skilehrer sein - ein Traum?

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Skilehrer sein - ein Traum?

Skilehrer in den großen Bregenzerwälder Skigebieten – immerhin die schneereichsten Europas – arbeiten hart und bewähren sich als Entertainer ihrer Schüler.

Im Dezember 1960 verliebte sich meine Tante auf einer Piste in einen braun gebrannten Halbgott. Beim Orangentanz versprach er ihr, sie im Sommer zu besuchen. Dann stand er da, käsebleich, und wusste nicht, was er mit seinen Händen anfangen sollte, da er keine Skistöcke hatte, an denen er sich festhalten konnte. „Ein Skilehrer ohne Ausrüstung ist wie Marilyn Monroe ohne Busen“, behauptet meine Tante. Das wollte ich selbst herausfinden und machte mich auf die Suche nach Skilehrern im Bregenzerwald.

In Warth-Schröcken stieß ich auf Michael Holland, am Diedamskopf auf Xaver Felder und in Damüls-Mellau fuhr ich mit Bianca Erath. Für Michael Holland, vor kaum vier Wochen in Europa gelandet, beginnt der Arbeitstag mit einer Busfahrt von Steeg im Lechtal nach Warth. Sobald er aussteigt, drehen sich die Leute nach ihm um. Der Amerikaner ist eine attraktive Erscheinung, nicht nur wegen seiner schwarzen Hautfarbe. Er meldet sich zuerst im Skischulbüro, dann begrüßt er seine Kindergruppe, mit der er schon die ganze Woche unterwegs ist. Heute ist Skirennen, wie jeden Freitag. Michael verteilt die Startnummern, unterhält sich kurz mit den Eltern und fährt los. Wie aufgefädelt folgen ihm seine Schüler. Zur gleichen Zeit strampelt Xaver Felder mit Skischuhen auf seinem Fahrrad durch das verschneite Schoppernau, die Ski auf dem Buckel. Auch nach ihm drehen sich die Touristen um: Sie können mit Skischuhen kaum gehen, und der fährt damit Rad! Xaver Felder vertritt diese Woche den Skischulleiter. Hunderte Kinder müssen eingeteilt werden.

 

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Der kleine Marius hat keine Lust zum Skifahren. Eine Mutter beschwert sich, weil ihr Justus nicht mit seinem Freund in der gleichen Gruppe ist. Ein Vater hat ein Problem damit, dass sein Marlon einer Elfergruppe zugeteilt wurde. Xaver Felder eilt hin und her, nimmt den kleinen Marius an der Hand, beruhigt die Mutter von Justus und besänftigt den Vater von Marlon mit diplomatischem Geschick, indem er ihm in allem recht gibt. „Der hätte gern ein bisschen gestritten“, sagt Xaver Felder schmunzelnd und ruft zur Bushaltestelle hinüber: „See you!“ Dort warten drei Familien aus Südafrika auf den Bus, der sie nach Au zum Schlepplift-Übungshang bringt. Xaver Felder wird sie dort treffen. Nur wenige Meter davon entfernt steigt Bianca Erath in ein Auto. Sie bildet mit ihren Skilehrerkollegen eine Fahrgemeinschaft. Jeden Morgen fährt sie von Au nach Damüls, wo sie seit zehn Jahren an der Skischule unterrichtet. Diese Woche arbeitet sie vormittags mit Dreijährigen. Hingebungsvoll kniet sie sich vor jedes Kind in den Schnee, zaubert mit „Hokus Pokus Fidibus“ und dreimal schwarzem Kater gefrorene Däumchen wieder zurück in Handschuhe, nimmt die weinende Lea auf den Arm, um ihrem Opa einen dicken Kuss auf die Skipiste zu schicken.

 

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„Hände auf die Knie. Wo ist dein Pizzastück?“ Der kleine Laurent schickt seine Oma fort. Er hat Bianca. Das genügt. „Folgen Sie mir!“, ruft unterdessen Michael Holland seinen Schülern zu, hebt seinen Skistock und braust los. „Das sagt er schon die ganze Woche“, stellt der neunjährige Vincent aus Krefeld fest und brettert ihm hinterher. Mit der deutschen Sprache kämpft Michael, aber sein Körper spricht für sich. Vor allem die Eltern finden es richtig cool, dass sie den Englischunterricht gratis mitgeliefert bekommen.

Aufgewachsen ist Michael Holland in Denver. Jedes Wochenende fuhr er mit seinem Onkel nach Winter Park Colorado, wo die Gipfel Mary Jane heißen. „No pain“, steht auf seinem Freestyle-Helm, den er mit Freunden kreiert hat. „No pain, no Jane“, heißt es eigentlich. Denn Mary Jane ist bekannt für gnadenlose Buckelpisten. Schon mit sieben bezwang Michael Holland seine Mary Jane und träumte dabei seinen Traum: Skilehrer wollte er werden und die Welt bereisen. Die halbe Welt haben auch Xaver Felders Skischüler aus Südafrika umrundet. Dort sind jetzt Sommerferien, Weihnachten hat die Familie bisher am Strand in der Badehose verbracht. Jetzt folgen sie ihrem Skilehrer, der sein Skischulvokabular auf Deutsch, Französisch, Holländisch und Englisch kennt. Er spricht von „edgen“, „snowploughen“ und dem „outside ski“.

 

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Seit dreißig Jahren ist er ein Profi, gibt den Anfängern Selbstvertrauen, die für ihre erste Fahrt auf den Diedamskopf heute Nachmittag üben. Während den Erwachsenen die Angst in den geweiteten Augen steht, tun sich die Teenager leichter. In besonders schönen Kurven hört man Xaver Felder singen. Zur Lockerung. Er bietet eben nicht nur eine auf Skitechnik bezogene Dienstleistung, sondern begleitet den Gast durch den Urlaub. Er hilft, wenn der Schuh drückt, weiß, wann der Bus fährt, wo es Sonnencreme zu kaufen gibt, wie die Berggipfel heißen, wie das Wetter wird, und berät bei Ehekrisen, die oft im Urlaub ausbrechen, selbst wenn die Kinder im Skikurs versorgt sind.

Die Dreijährigen um Bianca Erath brauchen jetzt Pause und setzen sich in das Spielzelt neben der Piste. Während Bianca Bonbons als Kraftnahrung für die Beinchen verteilt, kündigt die kleine Lea ein Lied an. Mit dem Helm auf den Kopf singt sie aus voller Kehle: „Hänsel und Tretel verirrten sich im Wald, es war so finster und auch so bitterkalt, sie tamen an ein Häuschen von Pfeffertuchen fein.“ Danach fahren die Kinder zum ersten Mal mit dem Förderband. Bianca trippelt daneben stundenlang auf und ab. Ihr ist heiß. Auch bei Minusgraden. Die Kleinsten hat sie während einer Saison eine ganze Woche lang. Sie stellt sich darauf ein und genießt es dann auch. Im Sommer kocht und kellnert die gelernte Restaurantfachfrau in Hotels oder auf einem Schaufelraddampfer am Bodensee. Vor dem Mittagessen übergibt sie die Kleinen den Eltern oder den Betreuerinnen. Am Nachmittag sollte sie drei Erwachsene unterweisen, doch statt denen wartet ein Kind auf sie. Auch gut.

 

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Unterdessen sitzt Michael Holland am Sechsersessellift zwischen seinen Schülern und lacht schallend über einen Witz, in dem zehnmal das Wort „Muh“ vorkommt. Mit Kindern arbeitet er lieber als mit Erwachsenen. Er springt mit ihnen über einen Hügel und sie merken gar nicht, dass man übt. Kinder analysieren nicht, fahren einfach. Erwachsene haben viel mehr Erwartungen und wollen alles verstehen. Beim Mittagessen will der neunjährige Vincent ein Pfeffersteak. Michael überredet ihn zu einem anderen Menü. Ein Pfeffersteak dauert zwanzig Minuten – zu lange.

Xaver Felder fährt mit den Südafrikanern zum ersten Mal auf den Diedamskopf. Während die Gäste das Panorama bestaunen, erinnert er sich an Zeiten, als es hier nur einen Sessellift gab. Das Mittagessen genießen seine Gäste auf der Aussichtsterrasse. Er nimmt sein Gulasch lieber allein in der Wärme zu sich, nebenher telefoniert er und klärt Fragen anderer Skilehrer. Auf seinem Hof in Schoppernau bietet er „Urlaub auf dem Bauernhof“ an, arbeitet in der Landwirtschaft und lädt im Sommer zu sehr beliebten Landschulwochen für Schüler ein, bei denen er sie in den Wald, durch den Kräutergarten und auf das Vorsäß, die Vorstufe zur Alpe, führt: „Alles zusammen ergibt ein Leben.“

Michael Hollands berufliches Leben begann in Oklahoma, wo er Betriebswirtschaft und Marketing studierte. Im Sommer managt er ein kleines Skigebiet in Australien. Er überlegte sich, nach Europa zu gehen. Aber wohin? Chamonix? Schladming? St. Moritz? Eine Zahl gab den Ausschlag: Elf Meter Schnee by nature! Eine Statistik der letzten 25 Jahre weist Warth-Schröcken und Damüls als die schneereichsten Gebiete Europas aus. Michael Holland liebt den Schnee so sehr, dass er ihm hinterherreist. Er ist ein Outdoor-Typ.

Das gilt für alle drei Skilehrer. Die Begeisterung für die Natur ist wohl, was alle Skilehrer gemeinsam haben. Und wer sich bei jeder Witterung so viel im Freien aufhält, wirkt ausgeglichener. Michael, Xaver und Bianca jedenfalls scheinen mit sich und der Welt zufrieden. Ihre positive Ausstrahlung steckt an. Selbst an ihrem einzigen freien Tag in der Woche suchen sie die Natur. Bianca zieht mit ihren Tourenski fernab der Pisten in die Berge. Auch Michael möchte allein auf einem Gipfel sein, sucht sich abgelegene Gegenden und fährt am liebsten im freien Gelände. Und Après-Ski? Xaver Felder geht seine Kühe melken. Bianca Erath fährt mit ihren Kollegen nach Hause. Und Michael Holland muss den letzten Bus um sechs nach Steeg erwischen, wo er in seinem Hotel den Abend mit Skilehrerkollegen oder vor dem Fernseher verbringt. So wie bei meiner Tante ist es heute nicht mehr. Die Gäste buchen Wellnesshotels und wollen nach dem Skifahren das vielfältige Verwöhnprogramm nützen. Da bleibt keine Zeit, mit dem Skilehrer an der Bar zu sitzen. Nur hin und wieder gibt es Ausnahmen. „Ich habe flexible Skilehrer- Kühe“, sagt Xaver Felder grinsend. „Eine extra gezüchtete Rasse. In Europa eine Minderheit. Normalerweise gehe ich um halb sechs in den Stall. Aber meine Kühe warten geduldig bis halb sieben. Sie wissen: Auch der Boss muss seine Freuden haben.“

Autorin: Irmgard Kramer

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