Duft eines Waelderhauses © Adolf Bereuter_Bregenzerwald Tourismus
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Der Duft eines Wälderhauses

Anne Marie Bär bringt nicht nur das alte Holz des Hauses zum Duften, sondern ergänzt die Holznote durch den Duft zahlreicher Kräuter.

Ganz unvergleichlich sei der Duft, meint Anne Marie Bär, wenn Täfer und Dielen der Zimmer in ihrem Haus in Au geschrubbt und abgelüftet sind. Man rieche weder die Aschenlauge aus Buche noch den Spritzer Apfelessig im Klarspülwasser – am ehesten erinnere der Duft an jene weiche Reinlichkeit von gelüfteten, gebügelten und neu bezogenen Betten. Eine frische Heimeligkeit – doch, ja, das sei schon ein Duft, ein Geschmack. Ein Geschmack genau am Rande des Schmeckbaren, etwa wie der Filmregisseur Luis Buñuel es von einem Martini dry fordert – „wie der Sonnenstrahl, der durch eine Glasscheibe fällt, ohne sie zu zerbrechen“. So habe übrigens der Theologe Thomas von Aquin die unbefleckte Empfängnis beschrieben. Das mag ein bisschen weit gehen, doch mit Geistigem bekommt zu tun, wer sich mit Anne Marie Bär auf Düfte einlässt. Die sind ihre Leidenschaft – Beruf wäre ganz falsch, obwohl sie oft tagsüber im Kräutergarten Holdamoos die Menschen für die Heilpflanzenwelt begeistert. Dieser über die Grenzen der Bregenzerwaldes hinaus bekannte Kräutergarten mit wilden und kultivierten Kräutern sowie Geheimnis und Kraftplätzen liegt um eine fast 500 Jahre alte Vorsäßhütte mitten in der Viehweide Lebernau über Au.

Was ist das Geistige? Ist es Duft, ist es Geschmack? Spielen nicht alsbald Erinnerungen mit herein und löst das nicht Stimmungen aus? Werden Gefühle geweckt? Eines führt zum anderen, etwas dazwischen wird lebendig. Die Kraft des Verknüpfens, dieses „Dazwischen“: das ist das Geistige – dem skeptischen neuzeitlichen Geist unter dem Begriff Synästhesie bekannt. Das Geistige muss sich entfalten können, braucht Zeit und Ruhe. Das wird besonders deutlich bei Anne Marie Bärs Lieblingsart, mit Düften umzugehen, dem Räuchern. Die Hitze des Feuers, Bewegung der Luft, getrocknetes Räuchergut – jedem ist eine eigene Dimension der Zeit eigen. Da kann sich Duft entfalten, anregen, beruhigen, entspannen, reinigen, heilen. Es ist wenig, was Anne Marie Bär dazu braucht: Tannenharz oder Waldweihrauch, Bergwacholder, Meisterwurz. Modische Essenzen mit ihren funktionalen Zuordnungen sind ihr fremd – das Öffnen der Nase allein tut es. Die Jahreszeiten haben ihre Düfte: Erdig die Schneeschmelze, süß und leicht die ersten Blüten und Blätter, trockener Heugeruch nach dem ersten Grasschnitt, säuerlich die Beeren, von schwerer Süße die Sommerblumen und ersten Früchte, scharfer Geruch von Bohnen, Kraut und reifem Obst, heimeliger Duft vom Dörren und im Herbst der warme Geruch aus dem Stall voller Tiere.

So hat auch das Haus, das Anne Marie Bär mit ihrem Mann Luis bewohnt, Räume mit ganz unterschiedlichen Düften: Neben dem Stall die Tenne mit dem Duft des Heus, die Küche mit den Düften der Tagesgerichte, die rauchfreie Stube, die frische Heimeligkeit des Schlafzimmers … Ganz besondere Düfte birgt die Kammer auf dem Dachboden, wo Anne Marie die Kräuter zum Trocknen vorbereitet, anschließend sortiert und zubereitet.

Ein neuer Raum ist zum alten Wälderhaus hinzugekommen – rückwärtig gelegen und mit Wintergarten nur unzureichend beschrieben. Die Tür in einer durch Latten gegliederten Glaswand lässt sich falten und ganz öffnen. Das Holz der Decke und drei Wände ist sägerau, der Boden besteht aus gebürsteten Dielen – ein Raum, um Freunde zu empfangen, Kurse zu halten und um sich zurückzuziehen. Ein Holzofen steht in der Ecke, in die Außenwand integrierte Regalfächer bergen Gläser voll getrockneter Kräuter – der Entwurf des in Schwarzenberg lebenden Architekten Thomas Mennel duftet fein nach Holz. So wie das alte Wälderhaus – 300 Jahre ist es alt und eines der letzten aus unbehandeltem Holz – von unten bis nach oben. Hier erfährt man: Holz riecht nicht einfach nur nach Holz. Fichte und Lärche duften herb-harzig, die Zirbe süßlich-aromatisch. Rüster oder Bastesel riechen eher säuerlich. Ein Jahrzehnt lang diente das Haus einem auswärtigen Skiverein. Damals war der Duft dahin, es gab nur den Geruch von Staub und Alter. Seit Anne Marie Bär das Haus übernommen hat, pflegt sie sein Holz regelmäßig, befeuchtet und schrubbt („feagot“) Oberflächen – und der Duft ist zurückgekehrt. Holz duftet nur, wenn man es richtig bearbeitet, davon ist Anne Marie Bär überzeugt. Das bestätigt auch der Wälder Schreiner Helmut Fink. Er hat den neuen Anbau ausgeführt. „Mit dem Anbau haben wir dem alten Haus einen Umbau erspart“, sagt Bär. „Denn es passt uns so, wie’s ist.“

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