DE EN FR

Hier kommt das User Feedback

Telefon E-Mail Info
bwmag12_4146_B

Wo die Zeit verfliegt

merken teilen

Wo die Zeit verfliegt

Unterwegs mit den Skisprunglegenden Walter Steiner und Toni Innauer in der Subersach beim Fliegenfischen. Durch die Subersach führt uns Claus Elmenreich, ein Pionier der Fliegenfischerei im Bregenzerwald.

Am Waldrand führt ein kleiner versteckter Pfad hinab. Es ist Frühmorgen, die ersten Sonnenstrahlen blinzeln durch die Äste, Vögel zwitschern. Am Vortag hat es geregnet, der Waldboden ist feucht, Geäst knackst unter dem Schuhwerk. Es geht steil bergab, wir müssen uns gelegentlich an Sträuchern und Wipfeln festhalten, damit wir nicht abrutschen. Gut hundert Höhenmeter sind zu bewältigen, dann lichtet sich der Wald und wir stehen am von Steinen gesäumten Ufer der Subersach. Neben mir murmelt Walter Steiner: Welch herrlicher Anblick! Der Blick von oben ist ihm vertraut. Schließlich wurde er einmal Vogelmensch genannt. Jahrelang lag die Welt zumindest im Winter unter ihm. Er flog von Schanzen in einen Himmel, der nie das Ziel, aber der Moment der Ekstase war, ehe sich die Spitzen der Sprungski wieder der Erde zuwandten. Doch hier ist Walter Steiner nicht auf Fliegen aus, hier will er Fliegenfischen.

Ein paar Schritte vom Schweizer entfernt steht Toni Innauer. Als Sportler hatte er noch nie etwas zu verschenken – so kam auch er unter die Besten der Welt (als Trainer war er dann freigiebig). Ihm ist die Gegend hier vertraut, sie gehört zum Gesamtbild seiner Kindheit, dem Bregenzerwald. „Ähnliche Hintergründe“, murmelt Steiner und deutet mit dem Kopf erst auf Innauer, dann auf den Fluss. Hat ihm Toni dieses Wasser nicht als Bregenzerach angepriesen, gestern Abend beim Wein? Trau keinem Fliegenfischer, und schon gar nicht deinem Gegner, selbst wenn er mittlerweile ein Freund geworden ist. Innauer starrt stumm auf das Wasser. Als schwämme dort sein Ehrgeiz, der ihn einst auf den Sprungschanzen der Welt zum Goldmedaillen und Weltrekorden getragen hat. Das ist erledigt, was hier wartet, sind Fische. Ob er glaubt, dass man sie durch scharfes Anstarren bewusstlos machen kann – wie jene Ziege durch George Clooneys Stierblick im Film „The Men Who Stare at Goats“?

Auch der dritte Mann, Claus Elmenreich, kennt diesen Flecken seit seiner Kindheit. Als kleiner Bub hat ihn sein Vater hierher geführt und ihm das Fliegenfischen gezeigt: „Damals habe ich sogar das Fußballspielen lassen, nur um ihn begleiten zu können“, erzählt der heute Vierzigjährige. Das Fischen wurde zu seiner Leidenschaft. Er machte Kurse und legte Prüfungen ab, heute nennt er eine kleine Schule mit einem Warengeschäft für Fliegenfischerei sein Eigen. Da zeigt er Interessierten, wie man die Rute richtig schwingt und führt sie zum Fliegenfischen an entlegene Orte wie diesen.

 

bwmag12_4795

„Ich war schon als Kind mit meinem Vater zum Fischen an der Thur“, lässt sich der aus dem Toggenburg stammende Steiner vernehmen. „Damals durfte ich die Fische von der Angel lösen.“ Innauer grinst. „Schön, aber das hier ist die Subersach!“ Wie damals beim Skispringen geht es darum, den anderen zu verunsichern, ihm das Gefühl zu geben, man selbst sei sich seiner Sache einfach sicherer. „Mentale Stärke“ nennen das die Sportler. Egal, ob Fliegen oder Fliegenfischen, wer mehr Selbstsicherheit aufbringt, landet meistens vorn oder fängt den fetteren Fisch.  Toni Innauer beherrscht das psychologische Spiel mit der Angst des Gegners noch immer. Jetzt kommt er ihm scheinbar entgegen:

 

„Ja, die Bregenzerach ist ein reizvoller Fluss zum Fliegenfischen. Freilich macht sie es manchmal dem Fischer nicht leicht. Aber wir sind ja hier an der Subersach.“

Toni Innauer

Während die beiden legendären Sprungasse noch ihre mentalen Kräfte messen, hat Elmenreich begonnen, seine Angelrute herzurichten. In einem kleinen Kästchen sucht er nach einer geeigneten Trockenfliege. Dabei beobachtet er wie die beiden anderen immer wieder das Wasser. „Da!“, ruft er. „Habt ihr gesehen?“ Ein Fisch war an die Oberfläche gekommen, um nach einem toten Insekt zu schnappen. Kleine Wellenkreise verlieren sich im Wasser wie die Luftwirbel im Äther nach dem Aufsprung im Auslauf einer großen Schanze. Vor Jahren hatte dort der Filmemacher Werner Herzog Hochleistungskameras aufgestellt, um einen durch die Luft Fliegenden in Zeitlupe aufnehmen zu können. Keinen Fisch natürlich, sondern den Skispringer Steiner. „Die Kameras waren so laut, dass wir Probleme befürchtet hatten“, erzählte der Filmer später. „Schließlich wurde der Skisprungbewerb im Fernsehen übertragen, wir durften nur mitfilmen.“ Ein beeindruckendes Porträt ist daraus geworden: „Die große Ekstase des Bildschnitzers Steiner.“ Doch in diesem, dem Bregenzerwald, wird er keine geschnitzten Stämme hinterlassen, hier wird er Toni Innauer zeigen, wie ein Schweizer mit österreichischen Fischen verfährt.

 

bwmag12_4360

Wir stapfen durch den Bach. Claus Elmenreich erklärt, in freier Natur aufgewachsene Fische suchten sich im Strömungsschatten meist eine ruhige Stelle. Dabei hätten sie den Kopf immer flussaufwärts gerichtet, um Ausschau nach auf sie zutreibende Nahrung zu halten: „Wir müssen uns daher von hinten anschleichen, denn wenn uns ein Fisch sieht, wittert er die Gefahr und zieht sich sogleich zurück“. Innauers Miene verrät, dass er auf solche Hinweise gern verzichten könnte, aber Elmenreich spricht ja nicht zu den beiden Fischern, sondern zu mir. Und jetzt ergänzt sogar Innauer selbst:

 

„Das Besondere hier ist ja, dass keine Bachforellen eingesetzt werden, sondern sie sich auf natürlichem Wege vermehren.“

Toni Innauer

Als hätte sie auf Innauers Stichwort gewartet, gleitet eine Bachforelle in die Strömung. Elmenreich befestigt ein aus Federn gebasteltes Imitat einer Steinfliege am Haken, lässt ein wenig Schnur von der Spule, schwingt die Rute vier-, fünfmal und der Köder landet im Wasser. Dort wirbelt er im wilden Wasser und nimmt den Weg stromabwärts. Sieht alles täuschend echt aus – doch der Fisch zeigt kein Interesse. Ein zweiter Versuch und ein dritter. Dann ist der Fisch verschwunden. „Wahrscheinlich hat die Forelle gemerkt, dass etwas mit der Fliege nicht stimmt“, meint Steiner. Und Innauer ergänzt: „Die Fische hier sind kein Zuchtzeug, sondern wilde Tiere, die ihre Umwelt gut kennen und sehr vorsichtig sind.“ Wir gehen weiter, stromaufwärts. Steiner und Innauer suchen sich Plätze, die ihnen geeignet erscheinen. Elmenreich erzählt mir vom Fliegenfischen. Im Bregenzerwald sei es etwa in den Achtzigerjahren aufgekommen. „Fliegenfischen ist viel mehr als nur einen Fisch an Land zu ziehen. Hier kommt es auf die Wurfbewegung an, dass ich den Köder dorthin platziere, wo ich ihn auch möchte. Das verlangt ständige Übung. Vor allem muss ich die Eigenheiten der Natur kennen und daraus die richtigen Schlüsse ziehen. Die Strömung, das Wetter, der Einfall der Sonne, die Fischart – da gibt es viele Einflüsse, die ich deuten muss.“ Plötzlich kommt er ins Schwärmen: „Am schönsten dabei ist, dass man sich in der freien Natur bewegt.

bwmag12_3996

Es gibt Tage, da begegne ich hier keiner Menschenseele“. Auch die beiden Sprungstars schätzten die Stille der Natur schon, als sie noch aktive Sportler waren. Beide liebten schon damals das Fischen. Im Sommer trafen sie sich oft auf Trainingscamps. Im Salzkammergut, wenn sie gerade eine Trainingspause einlegten, packte Steiner seine Rute und stieg gemeinsam mit Innauer hinab zur Koppentraun. Mittlerweile lebt Steiner in Schweden, Innauer bei Innsbruck. Oft sehen sie sich nicht. Doch gelegentlich kommt es zu einem Treffen und dann geht es wie hier zum Fischen an ein wildes Gewässer. Was zeichnet Fliegenfischen in ihren Augen gegenüber herkömmlichem Fischen aus? Die beiden sind sich einig: Fliegenfischen verlange ein besonderes Naturverständnis. „Man muss das Verhalten der Fische kennen“, erklärt Innauer. „Und das Gewässer lesen lernen. Zudem sollte man mit sehr geringem Störeinfluss am Wasser agieren, quasi Natur und Insekten imitieren.“ Und Steiner ergänzt: „Wurm und Spinnfischerei ergeben vielleicht mehr Ertrag, das Fliegenfischen ist jedoch wie das Skifliegen die Formel-1.“ Gibt es also auch Parallelen zum Skisprungsport? Klar, meinen beide: Ein perfekter Wurf ist wie ein perfekt getimter Flug im Skispringen. „Für ganz weite Würfe benötigt es mehr Rhythmusgefühl und saubere Technik als Kraft“, erklärt Innauer. „Das ist beim Skispringen ganz ähnlich.“ „Der mentale Teil ist von überragender Bedeutung“, stimmt ihm Steiner zu. Nun wird das Geplänkel am Beginn unserer Tour verständlich. Die beiden setzen noch immer auf mentale Stärke. „Übertriebener Krafteinsatz hingegen führt nur zum Chaos“, sagt der Schweizer. „Die Ekstase eines perfekten Skifluges ist uns beiden nun versagt. Eine selbstgebundene Fliege oder Nymphe perfekt zu platzieren und einen großen Fisch zu überlisten, ist wohl unser Skiflug-Ersatz.“

bwmag12_0594 bwmag12_0589

Wir erreichen Felsen, müssen etwas klettern. Kleine Teiche tauchen auf, im Dialekt „Gunten“ genannt. Elmenreich nimmt die Trockenfliege vom Haken und befestigt eine Nymphe. Diese schwimmen unter Wasser und sollen Insektenlarven vortäuschen. In der Tiefe sind die Fische nur mehr schwer zu erkennen. Doch plötzlich zappelt es: eine Bachforelle hat angebissen. Stolz zieht der Fischer sie an Land, ein schneller Todesstoß, dann misst er die Länge des Fanges und trägt ihn in sein Fischerbüchlein ein. Drüben halten Steiner und Innauer ihre Beute in die Luft. Lachende Fliegenfischer in der Subersach, einem Fluss, wo die Zeit stillzustehen scheint. Oder verfliegt.

Autor: Georg Sutterlüty

Der Bregenzerwald

Reisemagazin Bregenzerwald

Abo Reisemagazin Bregenzerwald

Abo Reisemagazin Bregenzerwald

Gefällt Ihnen unser Reisemagazin? Dann lassen Sie sich keine neue Ausgabe entgehen!

Bestellen