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Wie im alten Wälderhaus

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Wie im alten Wälderhaus

Familie Simma besitzt ein Haus aus den Sechzigerjahren. Gemeinsam mit dem Architekten Georg Bechter wurde es so umgebaut, dass es einige Wohnqualitäten von alten Wälderhäusern angenommen hat.

So kann’s gehen: Da erbt man ein Haus, ist stolz und freut sich über das eigene Dach über dem Kopf. Dann zieht man ein, und langsam gehen einem die Augen auf. Ernüchterung macht sich breit. Und immer öfter geht einem durch den Kopf: Wäre doch bloß nicht …

So war es auch bei Familie Simma: „Im Altbestand war’s immer kalt“, erinnert sich die Bauherrin Doris. Die Heizrechnung stieg, man hätte viel tun müssen. „Da denkt man schon an Neubau“, fährt sie fort, „und ein Umbau kommt nur infrage, wenn’s wirklich komfortabler wird.“ Doch all die Bequemlichkeit, die mit einem Neubau versprochen wird, trübt den Blick für das, was man hat. Das ist ja nicht nur ein wunderbarer Platz – ruhig, Sonne ringsum, Blick ins Tal und auf die Kirche –, sondern auch ein Bau, der durchaus noch trägt, ist er doch erst eine Generation alt. Wohl dem, der da jemanden im Freundeskreis hat, der aus Leidenschaft und ohne Scheuklappen ans Bauen geht. In viel Stunden haben die Simmas mit dem Architekten Georg Bechter die Frage Um- oder Neubau erörtert. Winzig klein war, was die Entscheidung brachte: ein Modell, das heute einen Ehrenplatz im Haus hat. Doch groß genug, um die Idee des Umbaus zu zeigen: Innerhalb erneuerter Hülle und unter neuem Dach sind Räume wie Schachteln so angeordnet, dass Zwischenräume bleiben und unterschiedliche Ebenen entstehen.

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Wie in Gassen einer Stadt bewegt man sich durchs Haus: Mal wird’s eng, mal weit, mal hoch, mal niedrig – vergleichbar mit der Vielfalt an Raumerlebnissen, die ein Gang durch ein Wälder Bauernhaus bietet. Ein Spiel mit Raum, das dazu führt, dass kein Bauteil – ob Raum, Wand oder Fenster – dem andern gleicht, selbst wenn es ähnlich ist. Ein jedes mit eigenem Charakter, dem Nutzen verpflichtet und mit eigener, kräftiger Form – etwa ein Fenster, das sich zur räumlichen Fensternische erweitert, gefasst in mattem Schwarz wie ein Passepartout, das den Ausblick betont.

Im Obergeschoss bewegt man sich zwischen Schlafzimmern und Bad in einer Raumlandschaft aus Weißtanne. Durchblicke nach unten und oben, wechselnde Ebenen. Gleich große Fenster, mal mit üblicher Brüstungshöhe, mal mit Laibung auf Sitzhöhe, mal über Kopf in der Dachschräge, jedes am richtigen Platz. Dagegen sind die Zimmer selbst fast höhlenhaft geborgen mit ihrem naturbelassenen Lehmputz.

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Das Raumgefüge des Erdgeschosses ist ein offener Fluss von Räumen, die sich deutlich unterscheiden: entweder durch den Wechsel der Raumhöhen zwischen Ess- und hohem Wohnraum oder durch den Wechsel der Hölzer zwischen Rüster (hier auch „Bastesel“ genannt) in der Küche und Weißtanne beim Essplatz. Diese Raumeinheit öffnet sich weit zum Freisitz in der Morgensonne. Das Wohnzimmer mit vorgelagerter Terrasse wendet sich der Mittagssonne zu und hat bis zum Abend Sonne. In Westen schließt sich ein kleiner Arbeitsraum an. Die Nebenräume liegen neuerdings zur Wetterseite, wo früher der Eingang war. Der öffnet sich nun zur Sonnenseite – ganz Wälderhaus. Wälderisch auch die Konstruktion aus Holz – es wurde im Wald „stehend“ gekauft und von den Simmas selbst gefällt und bearbeitet. Wieder typisch wälderisch: der hohe Anteil Eigenarbeit – auch etwa bei der Verkleidung der Innenwände aus drei Zentimeter starken Tannenbrettern. „Kein Nadelstreifenholz“, betont Doris Simma, „sondern Holz aus dem Wald, dem man das ansieht und das gemütlich wirkt.“

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Im Übrigen galt: Wo immer möglich wurden Baustoffe aus der Region verwendet. Der Bestand wurde nach Möglichkeit herangezogen. Den bestehenden Mauern wurde eine Dämmschicht aus 38 Zentimeter Stroh im Gefach aus Brettern vorgeblendet. Das Obergeschoss wurde neu aufgesetzt, das leichte Holzständertragwerk ebenfalls mit Stroh gedämmt, weil sich das für den Eigenbau eignet. Analog zur Wand die Dachkonstruktion, allerdings aus vorgefertigten, mit dem Kran versetzten Teilen. Schließlich wurde die Strohdämmung mit Schindeln verkleidet. Die äußere Erscheinung? Ungewohnt gewiss, doch für dieses „Massivhaus“ ist ein Kleid aus großformatigen Schindeln schlüssig und der Region verpflichtet. Sollte nicht auch der Schindelpanzer des Wälderhauses diesem einen noblen, städtischen, gemauerten Anstrich geben? Und dann die Fenster, zur besseren Belichtung mit schräger Laibung, die nicht nur den Kontrast zum Schindelpanzer betonen, sondern an die Steinbauten der Zentralalpen erinnern. Ein überzeugendes Resultat – das neue Haus wurde zum „besten Haus 2013“ gekürt – als Ergebnis vieler Gespräche und Zeit. „Dadurch hat das Haus Charakter gewonnen“, sagt Doris Simma.

Was ihr Mann Jos bestätigt: „Schön, wenn der Architekt dem Bauherrn etwas Gutes tun will.“ Vielfältige Beziehung und Wechsel – auch ums Haus herum. Dem rückwärtigen privaten Außenraum mit Terrasse liegt ein zur Straße offener Bereich gegenüber. In der Nachbarschaft spricht man schon vom „Café Simma“: „Wir wollten es offen, unsere Kinder draußen sehen, die Nachbarskinder einladen. Mit Rutsche und Wippe ein Spielplatz für alle und mittlerweile ist das Gartenmäuerchen für die Älteren ein beliebter Feierabendtreff.“ So ist – wie das Haus selbst – auch sein Platz in der Nachbarschaft etwas Besonderes.

Autor: Florian Aicher

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