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Wenn Generationen gärtnern

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Wenn Generationen gärtnern

Die Idee, zu den Wurzeln des Gemüses zurückzukehren, trifft in Berlin und Bezau denselben Nerv der Zeit: Eigenbau. Im Gemeinschaftsgarten in Bezau betreiben seit 2016 siebzig Menschen „Urban Gardening“.

Am Fuße der Reuthener Kirche St. Jakob wachsen Kohlrabis. Ein üppiger Gemüsegarten schmiegt sich in die malerische, geschützte Nische des bewaldeten Hügels. Eingebettet zwischen einem langgestreckten Höhenzug und der Straße nach Bizau, da, wo sommers der Wanderweg und winters die Loipe vorbeiführt, liegt seit 2016 der Bezauer Gemeinschaftsgarten. Auf 2.300 Quadratmetern pflanzen hier mehr als 70 Menschen, von der jungen Familie bis zum alleinstehenden Pensionisten, nicht nur Kohlrabi an, sondern auch Bohnen und Brokkoli, Karotten und Kartoffeln, Kürbisse, Beeren, Tomaten, Zucchini und Salat.

„Urban Gardening“ nennt sich ein Trend, der in den letzten Jahren die Großstädte dieser Welt erfasst hat: „Wie baue ich auf meiner Terrasse eigenes Gemüse an?“ Urban ist das „Gardening“ im Bregenzerwald zwar nicht wirklich, doch der Anblick eines üppigen Bauerngartens ist heute auch in ländlichen Gegenden selten geworden. Und so trifft die Idee, zu den Wurzeln des Gemüses zurückzukehren, in Berlin und Bezau denselben Nerv der Zeit: Nahrung ohne Kilometer, Ernährung ohne Gift und Kunstdünger, Pflanzen, um die man sich vom Setzling bis zur Frucht persönlich gekümmert hat.

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„Freiwilliges Gärtnern ist eine Generationenfrage“, sagt Anton Fröwis aus Bezau, der junge Leiter des Mellauer Tourismusbüros und ein Bezauer Gemeinschaftsgärtner der ersten Stunde: „Für meine Eltern war ein eigener Gemüsegarten das Unmodernste, was sie sich vorstellen konnten. Sie wollten eine Ausbildung machen, arbeiten gehen und nicht Unkraut jäten und Kartoffeln ernten. Für uns unter 40-Jährige hingegen ist der eigene Gemüsegarten wieder etwas Besonderes, Erstrebenswertes – vielleicht auch, weil wir ganz ohne ihn aufgewachsen sind.“ Anfangs hätten ihn manche Kollegen gefragt, warum er sich das antue, wo es doch auch im Supermarkt regionales Gemüse zu kaufen gebe. „Aber hier weiß ich, dass tatsächlich keine Pestizide drin sind. Ganz abgesehen davon, dass selbst angebautes Gemüse einfach besser schmeckt.“ Und entspannend sei die Arbeit auch. Fröwis lächelt: „Manchmal schaue ich sogar abends auf dem Nachhauseweg vom Tourismusbüro im Garten vorbei – in Anzug und Krawatte.“

Auch für viele andere ist der Garten längst mehr als ein simpler Acker: Er ist auch ein Treffpunkt. Vor allem mittwochs, denn da sind die Hauptverantwortlichen des Gemeinschaftsgartens, Isabella Moosbrugger sowie Verena und Peter Feuerstein, zugegen. Es sind zwei resolute Frauen mit kurzen Hosen und kurzen Haaren, die mich an einem heißen Julimorgen barfuß im Garten begrüßen. Beiden sprüht die schiere Begeisterung für das Gärtnern, für die Erde, für das uralte und umfangreiche Wissen, wie Pflanzen am besten wachsen, richtiggehend aus der Seele – auch ohne Worte. Und sie wirken wie Zwillingsschwestern, wenn sie erzählen und die eine den Satz beendet, den die andere begonnen hat. „Im Bregenzerwald sind Gemüsegärten und -felder ziemlich selten geworden“, sagt Isabella Moosbrugger, und ein betrübter Schatten huscht kurz über ihr braungebranntes Gesicht. Sie ist die Obfrau der Gartenfreunde Reuthe-Bezau und die Urheberin des Gemeinschaftsgartens.

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Es ist bereits der zweite Garten, den Bezau Isabellas unermüdlicher Leidenschaft verdankt: Der erste war der Bahnhofsgarten, in dem sie vor allem mit Kindern und Jugendlichen aus Bregenzerwälder Schulen Obst und Gemüse anpflanzt. „Ohne Isabella gäbe es all das hier nicht“, sagt Verena Feuerstein. „Manchmal fragt man uns, was wir für unsere Arbeit hier bekommen, aber ich mache das doch nicht wegen des Geldes – sondern weil es wunderbar ist, all das, was Isabella über das Gärtnern weiß, weiterzugeben. Die ganze Weisheit, die sie von ihren Eltern und Großeltern bekommen hat, wäre sonst für immer verloren.“ Und der Kontakt zur Erde und zu den vielen Mikroorganismen, die sie bevölkern, sei nicht nur für den Körper gesund, sondern auch für die Seele, ergänzt Isabella nachdenklich.

Dennoch würden sie die neuen Gärtner erst einmal selber machen lassen, schildert Verena Feuerstein: „Wir sind da, wenn man uns braucht; wir geben Tipps, wenn man uns fragt. Aber wir drängen uns nicht auf. Man darf den Leuten nicht gleich sagen, was sie falsch machen. Mit den Gärtner- Neulingen geht es uns ein bisschen wie Müttern mit ihren Kindern: Man zeigt ihnen was und lässt sie eigene Erfahrungen machen.“ Isabella fügt schmunzelnd hinzu: „Wir züchten hier ja nicht nur Gemüse, sondern auch Gärtner.“

Anton Fröwis versorgt mittlerweile seine ganze Familie mit Gemüse. Mit seinem Bruder und dessen Familie bewohnt er ein gemeinsames Haus, er selbst ist alleinstehend und kocht sehr gerne. „Ich fühle mich wie der Gartenvermittler zwischen den Generationen und versuche, auch meine Nichten und Neffen für das Gärtnern zu begeistern“, erzählt er. Seiner Mutter habe er im Frühjahr kurzerhand Tomaten an die Garagenwand gepflanzt, lacht Fröwis und verrät ein Geheimnis des entspannten Gemüseanbaus: „Meine Mama war anfangs nicht sehr begeistert. Ihre größte Sorge war, woher sie denn die Zeit nehmen sollte, die Tomaten regelmäßig zu gießen. Aber Isabella hat uns beigebracht, dass man Gemüsepflanzen nicht dauernd gießen soll. Lässt man sie in Ruhe, wachsen die Wurzeln auf der Suche nach Wasser tief in den Boden: Das macht den Geschmack des Gemüses viel intensiver.“

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Nicht jede von Antons Gartenunternehmungen war gleich von Erfolg gekrönt: „Vergangenen Sommer ist mir der Brokkoli ausgeschossen und plötzlich war viel zu viel Salat auf einmal reif“, räumt er freimütig seine Anfängerfehler ein. „Am Saisonende hat mich Verena Feuerstein zur Seite genommen und gesagt: ‚Mach das doch kommendes Jahr ein bisschen anders.‘ Das fand ich super.“

Verena muss ob Antons Begeisterung für ihre Tipps lachen: „Ein bisschen geschimpft habe ich ihn im Herbst, das stimmt. Sein Beet grenzt direkt an meines, da bekomme ich natürlich so einiges mit!“ Grundsätzlich dürfe aber natürlich jeder pflanzen, was er wolle, erklärt Verena. „So wie zum Beispiel der Luis, das ist unser Bohnenliebhaber. Denn die pflanzt er am liebsten. Und wenn sie reif sind, versorgt er uns alle damit.“

Matriarchat, denkt man sich und will dieses Wort nicht erwähnen, doch dann sagt es Isabella selbst: Dass dieser Garten schon ein wenig ein Matriarchat sei. „Aber wir haben auch viele matriarchalische Männer hier“, lacht sie. „Das Leben funktioniert doch nur gemeinsam, mit gegenseitiger Wertschätzung“, ergänzt Verena und winkt einem hageren, älteren Herren mit weißem Vollbart zu, der sich als Luis, der Bohnenliebhaber, herausstellt. Weiter hinten gartelt eine junge Frau und macht gleichzeitig Fotos. „Das ist Susanne, unsere Gartenfotografin“, sagt Isabella. Als eine Kindergartengruppe den Wanderweg entlangkommt und neugierig in den Garten lugt, drückt Verena den Kleinen kurzerhand einen Kohlrabi in die Hand. Zum Probieren.

Autorin: Babette Karner
Ausgabe: Reisemagazin Sommer 2018

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