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Weit weg ist ganz nah

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Der Philosoph Peter Natter nimmt sich im Bregenzerwald ein Buch vor und liest es mit Blick auf seine unmittelbare Umgebung. Diesmal Hermann Hesses „Siddhartha“.

Allenthalben werden Umwege als kulturstiftend propagiert und Unvereinbarkeiten zu versöhnen versucht. Mich dem Bregenzerwald auf dem Weg über Indien – noch dazu ein mythisch überhöhtes, religiös mehr als nur angehauchtes Indien, in dem Buddha auftritt und Gurus den Ton angeben, wo nicht Klischees herrschen – zu nähern: Wenn das keine Umleitung ist! Was die Klischees betrifft und ihren internen und externen Gebrauch zu allerhand halbheiligen Zwecken, könnte der Bregenzerwald eventuell mithalten, aber sonst ist er von jedem Indien weit entfernt, was gewiss seine Ordnung hat. Es ist ein noch immer unterschätzter, in gewissem Sinne aber ein echter Klassiker, den ich diesmal in den Bregenzerwald mitgenommen habe; nicht im strengen Sinn, aber in fast jedem andern.

Hermann Hesse (1877 – 1962), ein in Deutschland geborener Schweizer Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger, und sein „Siddhartha“ sind ein unsterbliches Gespann geworden. Dass die Geschichte in Indien spielt, ist natürlich kein Zufall, dennoch sind Hesses eigene Lebenswelten, der Bodensee, das Tessin, unauflösbar darin verwoben; da kann auch der Bregenzerwald eine gewisse Nähe reklamieren. 2020 ist das Werk hundert Jahre alt geworden und seitdem in zahlreichen Ausgaben und noch zahlreicheren Auflagen (z. B. Suhrkamp Taschenbuch 182, erste Auflage 1974, 70. Auflage 2018) erschienen. Eine Besonderheit ist mit Sicherheit auch die Leserschaft dieses Buches: Wie kaum ein anderes wird es mit Kopf und Herz, Verstand und Emotion gelesen.

Siddhartha geht, nein: Er macht seinen Weg. Das beginnt damit, dass er sich von seinem Vater, einem Priester, die Freiheit erzwingt, indem er sich eine Nacht lang nicht von der Stelle rührt. „Stehen ist eine Handlung“, sagt der Philosoph Hans Blumenberg. Der junge Siddhartha veranschaulicht das kompromisslos. Er geht in den Wald, wird Asket, begegnet Buddha. Ein letztes Ziel findet er in all dem nicht. In einer Stadt lernt er die Liebe und das Geld kennen, wird erfolgreicher Geschäftsmann und gelehriger Liebhaber einer Kurtisane. Von heute auf morgen verlässt er Haus, Geschäft, Geliebte samt Sohn. Am Ende ist Siddhartha ein alter Mann, weise, erleuchtet, allein, ein reglos an seinem Fluss Sitzender: ein Erhabener.

So weit, so gut. Und jetzt der Bregenzerwald. Ich sitze inmitten grüner Wiesen, der Blick geht auf Wald und Berge, Täler und Hügel. Erleuchtung ist weitum nicht das primäre Anliegen, sondern Arbeit, Funktion, Material, Handwerk, Gewerbe, Produktion und derlei mehr. Dass ich mich hierher zurückziehe, um zu lesen und zu schreiben, ist ein Anachronismus, ja ein Antagonismus, ein Gegensatz. Allerdings einer, der deutlicher ist, als mir lieb sein kann. Vor vierzig Jahren noch bin ich in die Region gekommen, um meine Ferien zu verbringen und fest mitzuhelfen beim Heuen: rechen, zetten, Fuder stampfen, Himbeersaft trinken, Kuchen essen. Hat alles dazugehört. Auch wenn heute kaum ein Mensch mehr einen Rechen in die Hand nimmt und generell manches anders geworden ist: Schön war’s trotzdem und es bleibt schön. So viel Romantik darf sein. Dafür demonstriert es dem Leser die Stadt als Welt der „Kindermenschen“, in der sich Siddhartha nach seinem Heiligkeitstrip allzu wehrlos-leichtgläubig wiederfindet. Erfolg und Geld, Geschäft und Konkurrenz sind die herrschenden Parameter. Doch das ist nicht alles. Sobald das Rascheln der Buchseiten zum vorherrschenden Geräusch geworden ist, zeigt es sich: gerade auch hier, im Bregenzerwald. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, wenn ein alter Hedonist wie ich darüber sinniert, was einem jungen Asketen wie Siddhartha heute im Bregenzerwald widerfahren würde. Nun, was wohl? Wenn er Glück hat, trifft er auch auf eine so schöne und konsequente Lehrerin wie Kamala. Warum nicht! Und was lernt er dann?

Er lernt, wie man so schön sagt, Land und Leute kennen, aber richtig. Wahrscheinlich würde sein jugendlicher Hochmut in all dem genusszentrierten Treiben ebenfalls in Übermut ausarten. Genau dann würde ihn seine Lehrerin mit der notwendigen Strenge ermahnen und zur Ordnung rufen. Zur Ordnung rufen? Ja, genau, zu jener uralten Ordnung, Herkunft, Tradition, aus der all das Heutige herkommt. Wie Siddhartha aus der Welt der Kindermenschen an den Fluss zurückkehrt und Fährmann wird, besinnt sich unser Asket auf den Fluss der Dinge, den Strom der Zeit.

Er hält inne und schaut sich um. Vielleicht geht es ja exakt darum, um das Schauen und somit ums Sehen: „Er sah Bäume, Sterne, Tiere, Wolken, Regenbogen, Felsen, Kräuter, Blumen, Bach und Fluss, Taublitz im morgendlichen Gesträuch, ferne hohe Berge blau und bleich, Vögel sangen und Bienen, Wind wehte silbern im Reisfelde.“ So könnte es noch heute sein, auch wenn der Wind eher über Alpwiesen weht oder durch das Achtal. Das Schauen geht über ins Betrachten und aus der Betrachtung wird eine Meditation, ein Aufgehobensein im doppelten Sinn: in dem der Tradition und in dem des Übergangs.

Dann haben wir sie wieder, die Herausforderung unserer Tage, wo es gilt, die Schnelligkeit der Über- und auch Untergänge zu versöhnen mit dem Bewahren des Bewährten. Was hat es für eine Bewandtnis mit dieser Geschichte? Die Bewandtnis ist ein schönes Wort. Es kommt aus dem Umkreis der Bedeutsamkeit, wo es die Philosophen verorten (Hans Blumenberg: „Die Arbeit am Mythos“), die Denker, die um Erleuchtung Ringenden, die dem Licht Zugewandten.

Wenn ich vor dem Großdorfer Häuschen frühstücke, während über dem Hittisberg die Sonne aufgeht, ist mir Siddhartha so nahe wie der Bregenzerwald. Das könnte auch damit etwas zu tun haben, dass die beiden zusammengehören, etwas miteinander zu schaffen haben – und zwar dort, wo sie um das genuin Eigene ringen, wo sie sich verteidigen gegen die Herkunft wie gegen die Zukunft, wo sie stillstehen, um den Fortgang zu sichern und wo sie den Fortgang forcieren, um ihr Bleiben zu sichern. Ob man das auch weniger poetisch, weniger verschlüsselt, direkter sagen kann? Womöglich, aber das wäre dann nicht nur barbarisch, sondern wahrscheinlich einfach ein wenig feig. Feig? Weil es allemal gründlicher ist, sich Zeit zu nehmen, als sie sich zu vertreiben.

Damit sind wir ganz nahe an meinem Bregenzerwald, in dem die Zeit tatsächlich ein wenig stillsteht: dann und wann. Es ist ein Bregenzerwald, in dem alles seine Zeit und seinen Ort hat, seinen oder keinen. Das heißt, er konkurriert nicht um jeden Preis mit aller Welt. Das klingt nach einem bescheidenen Programm. Hermann Hesses „Siddhartha“ lehrt, dass diese Bescheidenheit in Wirklichkeit Demut ist, die aus der Größe erwächst. Mein Bregenzerwald sitzt am Ufer des Flusses. Das ist ihm Sein genug.

Autor: Peter Natter
Ausgabe: Reisemagazin Bregenzerwald – Sommer 2021

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