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Wann ist ein Mann ein Mann?

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Wann ist ein Mann ein Mann?

Der Philosoph Peter Natter nimmt sich im Bregenzerwald ein Buch vor und liest es mit Blick auf seine unmittelbare Umgebung. Diesmal: „Der Mann ohne Eigenschaften“ von Robert Musil.

Von Wälder Tugenden habe ich jüngst im Sportteil einer Tageszeitung gelesen. Das stand da in einem etwas delikaten Zusammenhang. Es war nämlich ein finnischer Wanderarbeiter, Trainer der Bregenzerwälder Eishockeymannschaft, der diese Wälder Tugenden von seinen ebenfalls aus mancherlei Weltgegenden zugelaufenen Kollegen, sogenannten Legionären bzw. vom großen Klubbruder ausgeliehenen Kooperationsspielern, eingefordert hat, um den nächsten Gegner in der Alps Hockey League niederzuringen. Das Spiel ist gewonnen worden. Welche Tugenden mögen entscheidend gewesen sein?

Selbst wenn wir uns auf die Diskussion um Wälder Tugenden lieber nicht leichtfertig einlassen, steht außer Streit, dass es tugendhafte Wälderinnen und ebensolche Wälder gibt. Wenn nicht überhaupt jeder Wälder und jede Wälderin Tugenden hat – auch wenn es womöglich keine Wälder Tugenden, sondern lediglich allgemein menschliche sind. Das sollte weitgehend genügen, meint man. Dass etwa das Wälder(in)sein für sich eine Tugend darstellt, hat gewiss auch einen Kern, den herauszuschälen sich lohnen könnte. Von dieser Tugend ist es kein großer Schritt zum sogenannten „Spirit“, den man sich, sei es als Sportverein, als Unternehmen oder auch als autochthone Region, gern auf die Fahnen heftet. Wir sind ganz nahe am guten alten Geist, der nicht zuletzt auch durch den Bregenzerwald bläst und dabei immer wieder Staub aufwirbelt. Da haben wir ihn, den uralten Zwist zwischen dem Geist und der Materie, und wenn nicht Zwist, dann zumindest Dialektik, also ein etwas unübersichtliches Hin und Her.

Wird es jetzt philosophisch? Zumindest literarisch. Ich bin ja wiederum in den Wald gezogen, um zu lesen. Die Stille meines Großdorfer Refugiums kommt im Winter besonders schön zur Geltung. Der Schnee, der lautlos fällt (vom Geräusch, wenn Schnee auf Schnee fällt, hat schon der Dirigent Claudio Abbado geschwärmt), passt wunderbar ins Thema: Ist er doch ein Phänomen an der Grenze von Materie und Geist. Der Zauber, der von ihm ausgeht, nicht nur, wenn es der erste Schnee ist oder ein flockenleichtluftig- glitzernder, wie dieser Tage – dieser Zauber ist weder physikalisch noch handfest zu erklären. Wozu auch? Seit etlichen Wochen wieder, eigentlich aber seit Jahrzehnten, begleitet mich ein Buch, das zu den tatsächlich herausragenden Monolithen der deutschsprachigen Literatur zählt, geschrieben von einem Autor, den man mit Fug und Recht als Geistesmensch bezeichnen kann, obwohl er auch Ingenieur, Offizier und Techniker war.

Sein Tatmenschentum hat er in sein immenses Lebenswerk eingearbeitet. Ein Werk, geschrieben in einer extrem geistlosen Zeit, ihr abgerungen Wort für Wort auf Zehntausenden Manuskript- und dreitausend Buchseiten, mehr noch, in einer Zeit grassierenden Ungeistes, zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg, zwischen dem Zusammenbruch des alten und der Implosion des neuen Europas. So thematisiert das Werk, das nie zu einem Abschluss kam und als riesiges Fragment überdauert hat, genau den Kampf zwischen Geist und Nicht- Geist, zwischen Seele und Wirtschaft, zwischen Gefühl und Verstand, zwischen Leben und Beruf, zwischen Sein und Tun, oder: zwischen Ritual und Prozess, zwischen Leidenschaft und Ratio, zwischen Ahnungen und Infos, zwischen Fachmännern und Kräuterfrauen.

„Der Mann ohne Eigenschaften“ von Robert Musil (1880–1942) gilt weithin als unlesbar. Das ist ein Klischee, eine Ausrede. In Tat und Wahrheit ist es lediglich eine Frage des Geistes, der einen beseelt, ob man mit dieser Lektüre ins Reine kommt. Umso mehr, als der Jung und Jung Verlag jüngst eine neue, sechsbändige, ganz im Geiste Musils wunderschöne und höchst lesefreundliche Ausgabe vorgelegt hat, noch dazu hinterlegt mit einem schier unerschöpflichen und auch digital zugänglichen Kommentar- und Anmerkungsapparat. Was der Lektüre Musils ihre Gültigkeit verleiht, ist seine zeitlose Modernität, die Aktualität der von ihm erzählten untergehenden und untergegangenen Welt Kakaniens, also der Habsburgermonarchie. Dass das eine untergehen muss, damit ein anderes aufgehen kann, ist ein alter Gemeinplatz, der nicht nur für Weizenkörner gilt. Das Alte zu ehren und das Neue zu grüßen ist ein schwieriger Spagat, nicht umsonst haben es sich die Wälder in der Gestalt eines viel strapazierten Wölfle-Zitats verinnerlicht.

Worin dieser Spagat besteht, ist bei Musil nachzulesen. Nicht nur, weil eine der wirkmächtigsten Figuren dieses Riesenwerks, der Prostituiertenmörder Moosbrugger, einen Wälder Namen trägt, fügen sich die Stränge des Musilschen Denkens gut in die Gegend und verweisen mich vielfach auf Land und Leute, wenn auch auf etwas andere Weise und auf anderen Wegen als die gängigen gesellschaftlichen und ökonomischen Diskurse hierzulande. Es ist hochspannend zu beobachten, was konkret bedeuten kann, das bei Musil noch abstrakte Gestalt hat: Worin der Unterschied zwischen einem „Mann ohne Eigenschaften“ und „Eigenschaften ohne Mann“ besteht.

Musil hat noch nichts gewusst von dem, was aktuell als Digitalisierung daherkommt. Aber von dem, was sich als Fortschritt ausgibt, hat er als einer der schärfsten, vorurteilslosesten, hellsichtigsten, gründlichsten und unbestechlichsten Zeitgenossen aller Zeiten unglaublich viel kapiert und davon in einer subtil durchdachten Sprache erzählt. So ficht Ulrich, der Mann ohne Eigenschaften, einen unausweichlichen Kampf gegen all die neumodischen, glänzenden, blendenden Eigenschaften, denen die Männer fehlen, d. h. denen der Geist, das Lebendige, das Menschliche, die Seele fehlt: „Der Forscher … hat die Trunksucht am Tatsächlichen, die seinen Charakter zeichnet, und schert sich einen Teufel darum, ob ein Ganzes, Menschliches, Vollkommenes oder was überhaupt aus seinen Feststellungen wird. Das ist ein widerspruchsvolles, ein leidendes und dabei ungeheuer tatkräftiges Wesen!“ (Bd. 1, S. 343f) Womit sich der Kreis zu den Wälder Tugenden wieder geschlossen hat. Ob der Geist wirklich nur ein „machtloser Zuschauer“ (ebd., S. 440) ist, ob also auch Traditionen etwas anderes bedeuten als touristisch ausschlachtbare Attraktionen, könnte tatsächlich mehr sein als nur eine Frage unter vielen andern. Davon erzählt „Der Mann ohne Eigenschaften“: und von allem andern, bis hin zu den Wirkungen langjähriger Ehen, ebenso.

Autor: Peter Natter
Ausgabe: Reisemagazin Winter 2019-20

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