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Nichts lassen, wie es war

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Nichts lassen, wie es war

Schon als Kind hat Luka Jana Berchtold alles Mögliche gestaltet und verändert. Eigentlich wollte die Künstlerin aus Schwarzenberg Skirennläuferin werden. Nun gestaltet sie die Welt und ihren Alltag.

Getroffen haben wir uns nicht für unser Gespräch. Luka Jana Berchtold lebt in Wien und ich in Bregenz. Gut, dass man heutzutage trotzdem miteinander im Wohnzimmer sitzen kann – die eine am einen Ende von Österreich, und die andere am anderen. Und so leuchtet nur ein Gesicht an diesem düsteren Wintersonntagnachmittag von meinem Bildschirm – und zwei große, braungrüne Augen, deren gedankenvoller, wachsamer und stetig abwägender Blick das ganze Gespräch begleiten wird.

Du machst gern viel oder vieles gern, frage ich, fasziniert von der Anzahl verschiedenster Projekte, Medien und Kunstformen, mit denen sich die 28-Jährige bereits beschäftigt hat: Skulpturen und Kurzfilme, Installationen und Performances, Fotoarbeiten und Illustrationen. Sie bewege sich bewusst in unterschiedlichen Welten, sagt Luka Jana Berchtold: „Ich spiele gern, sei es mit Materialien oder mit Inhalten. Es geht mir aber nie um reines Ausprobieren. Ich finde, dass ‚Ausprobieren‘ oft als ‚Ausrede‘ dient. Wird eine Arbeit als ‚Versuch‘ abgetan, entzieht man ihr die Ernsthaftigkeit. Das Leben ist kein Probelauf.“ 

An Einfällen würde es ihr selten mangeln, ergänzt sie: „Manchmal stelle ich mir die Frage: Was mache ich nicht? Meine Arbeiten sind immer Reduktion und Verdichtung von Ideen.“ Was inspiriert sie? Wie finden die Ideen zu ihr? Berchtold denkt lange nach. Behutsam und konzentriert ist sie. Um das richtige Wort ringend, auf den rechten Ausdruck bedacht. 

Meine Kunst wurzelt oft in Alltagserfahrungen, banalen Dingen, über die ich nachzudenken beginne. Aber so wie das Banale am Ende nur ein Spiegel des großen Ganzen ist, so hängt unser Alltag immer auch mit bedeutungsvollen Begriffen wie Konsum oder Globalisierung, Digitalisierung oder Feminismus zusammen.

Luka Jana Berchtold

2012 war Luka Jana Berchtold Teil der Sommerausstellung „z’Breagaz“ im Bregenzer Palais Thurn und Taxis, im Herbst 2017 zeigte der „kulturverein bahnhof“ in Andelsbuch ihre erste Einzelausstellung „Concrete Dreams“. Letztere trug ein von Berchtold derzeitig bevorzugtes Material im Titel: „Concrete“, das im Englischen einerseits das Nomen „Beton“, andererseits die Adjektive „dingfest“ oder „konkret“ bezeichnet: „Das Wechselspiel der Worte ‚Concrete‘ und ‚Dreams‘ erzeugt Spannung, weil Träume oft abstrakt und nicht greifbar sind, aber der Ursprung von allem Konkreten schlussendlich doch in Vorstellungen und Träumen wurzelt. Während der Ausstellung hat das Material so manche interessante Diskussion in Gang gebracht, weil viele im Bregenzerwald selber bauen und Beton ein vertrautes Material ist.“ Farbe, Form und Materialität hätten sie immer schon begeistert, sagt Berchtold versonnen:

Schon als Kind konnte ich nichts lassen, wie es war. Alles, was ich besaß, habe ich verändert. Im Kindergarten saß ich nur in der Zeichenecke – vielleicht auch, weil ich mich den festgeschriebenen Geschlechterterritorien von Puppen und Bauecke nie zuordnen konnte.

Luka Jana Berchtold

Dass sie später am Gymnasium in Egg den bildnerischen Schwerpunkt gewählt hat, erscheint nur konsequent. Doch Berchtold lächelt verschmitzt: „Ich bin als Kind auch professionell Ski gefahren. Mit 14 Jahren habe ich mich dann aber gegen den Leistungsdruck und das Skigymnasium entschieden.“ Seit 2009 lebt die Künstlerin in Wien. Hat sie noch ein enges Verhältnis zum Bregenzerwald? „Ich habe drei Standbeine: Das eine ist Wien, mein Zuhause. Das andere ist der Bregenzerwald. Dort bin ich verwurzelt, und ich würde mich schon als Wälderin bezeichnen.“ Ist das etwas Besonderes? Sie lacht. „Es gibt im Bregenzerwald einen starken Regionalpatriotismus, mit dem ich nicht viel anfangen kann.

Wo wir geboren werden und aufwachsen, ist ein Lotteriespiel. Warum darauf stolz sein? Trotzdem habe ich Heimatgefühle für den Bregenzerwald. Es ist einfach schön dort! Und dann ist da das Reisen: Wenn ich zu lange am selben Ort bin, fühle ich mich unrund. Nach der Matura war ich länger in Zentralamerika, habe Spanisch gelernt und in einer österreichischen Schule in Guatemala gearbeitet. Danach diverse Jobs, etwa in einer Bar in Mexiko oder in einem Forschungszentrum für Schildkröten in Nicaragua. Reisen ist Inspiration, Erfrischung und die Erfahrung, dass das Leben, das wir als normal empfinden, auch nur ein Konstrukt ist.“

Ihre Eltern hätten ihre künstlerischen Ambitionen immer unterstützt, erzählt Berchtold, „Druck habe ich mir selbst gemacht. Zu Beginn meines Studiums an der Akademie der bildenden Künste in Wien dachte ich mir kurz, ich sollte vielleicht doch besser etwas lernen, womit ich leichter Geld verdienen kann. Aber ich bin froh, dass ich mich für diesen etwas komplizierten, aber umso spannenderen Weg entschieden habe.“ Geld verdient Luka Jana Berchtold heute unter anderem mit Illustrationen für unterschiedliche Medien. Für das Kinderbuch „Kasimir und die Mondverdunklungsmaschine“ hat sie humorvolle Zeichnungen beigesteuert. Außerdem ist sie Teil des Kreativteams der Konzeptagentur friendship.is, die durch die Verwandlung des Wiener Café Griendsteidl in eine experimentelle Restaurant-Bar-Galerie „Rien“, das Festival „FAQ Bregenzerwald“ oder die „Feldküche“ bekannt geworden ist. Sie differenziere aber klar zwischen Kunst und Design, sagt Berchtold mit Nachdruck:

„Wenn ich Kunst mache, will ich frei sein, aber davon zu leben ist schwierig. Design ist eine gute Einkommensquelle, die mich ebenfalls sehr reizt.“

Luka Jana Berchtold

Kunst zu machen bedeutet auch, sehr persönliche Arbeiten der öffentlichen Meinung preiszugeben. Muss man lernen, damit umzugehen? Diesmal zögert Luka Jana Berchtold keine Sekunde. Ihre Antwort kommt prompt und unbeirrt: „Es ist mir nicht so wichtig, was andere Menschen denken. Vor allem jene, die ich gar nicht kenne. Sich darüber Gedanken zu machen, kostet viel Energie, schränkt im Tun und Sein ein und nimmt den ganzen Spaß. Man kann sich nicht für die ganze Welt verbiegen!“

Autorin: Babette Karner
Ausgabe: Reisemagazin Winter 2018-19

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