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Mit Stock über Stein

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Mit Stock über Stein

Fünf sportliche Damen, von manchem despektierlich die „Stockenten“ genannt.

Ach, könnte Carry Bradshaw es nur ahnen, die Großstadtzicke aus der US-Kultserie „Sex and the City“: Sie würde jauchzen und mit spitzen, leicht hysterischen Tönen kreischen: „Was? Warum hat uns niemand gesagt, dass es ein Paralleluniversum gibt in – wie sagten Sie, heißt die Gegend? Und wo finde ich da neue Manolo’s?“

Müde würde ich lächeln und sagen: „Carry, vergiss deine Manolo Blahniks. Mit High Heels machst du hier keinen Meter.“ Denn hier spielt es nicht Sex and the City, sondern „Walk and the Country“. Das treibt fünf Andelsbucherinnen mit Namen Renate, Martina, Marie-Thres, Marlies und wieder Marlies regelmäßig samt ihren Stöcken auf die Piste. Ihr Schuhwerk sieht erstaunlich hip aus für eine Sportart, die zuweilen mit Ressentiments zu kämpfen hat. Dennoch liegen die fünf Ladies Meilen entfernt vom Zickenschick der Damen aus New York oder ihrer Sprösslinge aus „Gossip Girls“.

Gemeinsam ist ihnen der Spaß an regelmäßigen Treffen mit Freundinnen. Nicht zum Caffè Latte im Bistro, sondern beim Nordic Walking auf der Alp. Mittlerweile sind Les Andelsbucherinnen mit ihren Sportstöcken keine Exotinnen mehr. Woche für Woche ziehen sie munter plaudernd in sportlichem Stechschritt kilometerweit durch den Bregenzerwald. Wichtig sind bei dieser Sportart echte Nehmerqualitäten – körperliche, aber auch seelische, schließlich kommt es immer wieder vor, dass ein Mannsbild aus der Gegend sie als „Stockenten“ anspricht.

Verdient haben sie den Namen nicht. Sie gehören nämlich nicht zu jenen, denen es zu mühsam ist, auf kurzen Asphaltstrecken die Gummischoner auf die Spitzen der Stöcke zu ziehen. Nein, sie schonen und genießen die Stille der Natur, außerdem wollen sie nicht schon von Weitem am Klick- Klick-Klick-Geräusch erkannt werden. Lieber ist es den fünf, wenn ihr Lachen vernommen wird, das schon von ferne aus dem Wald klingt. „Anfangs war es ganz schön schwer für mich“, sagt Renate. Auch sie war nicht frei von Vorurteilen: Power Walking? Das ist doch bloß ein „ Mädchensport“. Groß war dann freilich die Überraschung, als ihr gleich zu Anfang der Atem ausging. Heute sind Les Andelsbucherinnen stolz auf ihre Kondition und keiner fällt es schwer, bei flottem Tempo zu reden. „Unsere Telefonkosten sind enorm gesunken, seit wir walken.“ Es ist gesund und schont auch das Familienbudget!

Ihre Standardstrecke ist drei bis fünf Kilometer lang. Gestartet wird direkt vor der Haustür. Zu den Les Andelsbucherinnen kann man (Mann schon gar nicht!) nicht einfach beitreten oder bei ihnen mitlaufen. Sie haben strenge Regeln: Erstens gehen alle ihre Kinder in dieselbe Schule und zweitens heißen alle ihre Männer Anton oder besser gesagt, „Tone“. Toneles Tones Tone ist übrigens nicht darunter, aber das ist eine andere Geschichte.

Wenn Nordic Walker auf Wanderer treffen, kann man von einem Zusammenstoß von Kulturen, einem „Clash of Civilizations“ sprechen: die mit den Stöcken gegen die Stocklosen. Im Bregenzerwald herrscht diesbezüglich Entspannung. So laden Les Andelsbucherinnen auch stocklose Wanderinnen von Zeit zu Zeit zum gemeinsamen Ausflug.

Eine, die auch schon eingeladen war, ist Theresia: schlank, sehnig und braun gebrannt, mit einer Vorliebe fürs Wandern, egal ob hochalpin oder unten im Tal. Ihre derzeitige Lieblingsstrecke führt durch das Auer Ried, eine einzigartige Landschaft im Gemeindegebiet von Au. Heuhütten, Baumgruppen und Bäche säumen den Weg. Er führt über eine Bergwiese, die ihre Pflanzenpracht Monat für Monat wechselt. Theresia verfolgt diesen Wandel der Natur, seit sie während der Schneeschmelze einmal spontan ihrer Neugierde nachgegeben hat und in die Schlucht hinuntergeklettert ist. „Ich beobachte Ereignisse, die mir nie in den Sinn gekommen wären. Daraus ergeben sich echte kleine Erlebnisse. Mir bedeuten Ohne-Absicht-Sein und daraus resultierende Überraschungen viel. Außerdem genieß ich die Freude an der Bewegung in guter Luft. Du wirst Teil der Natur – das kann bis zu mystischen Erlebnissen gehen, zum Gefühl, ein Teil vom Ganzen zu sein.“

Dieses Ganze, Mensch und Natur, erscheint hier im Bregenzerwald klarer und reiner als anderswo. Hier geht man – und geht in der Natur auf. Man beginnt, sich auf eine fast schon vergessene Weise selbst zu spüren, eine Sinnlichkeit wahrzunehmen, die berauschend wirkt (nicht nur wegen des Enzianschnapses im Rucksack). Theresia trägt auf ihren Wanderungen stets knöchelhohe Schuhe – nicht zu verwechseln mit Stöckelschuhen. Außerdem empfiehlt die Gesundheitsund Krankenschwester statt Handtäschchen einen Rucksack. Es passt dort Nützliches einfach besser hinein: Regenkleidung für alle Fälle, eine Kopfbedeckung, Sonnenbrille, Sonnencreme, Wegkarte und ihre homöopathische Mini-Apotheke (siehe Kasten). „Mir ist wichtig, dass man sich auf die eigenen Sinne verlassen kann. Das Mobiltelefon möchte ich allerdings nicht mehr missen. Und ich achte immer darauf, dass sein Akku geladen ist, wenn ich losgehe.“

Wird der Bregenzerwald zum Klingeltonparadies? Aber nein, hier ist es beim Wandern meist so still, dass man unterwegs gern einmal ans Mobiltelefon in der Tasche fasst – nur für den Fall. Telefonieren bei strahlendem Sonnenschein auf einer Alpwiese hat etwas einmalig Entspannendes.

Wer in seinem Handy kein GPS hat, kann sich dennoch beruhigt auf die Wanderung machen. Die Wege sind gut beschildert, von Tal und Vorsäß aus bis hinauf in die Hochlagen und zu den Gipfeln. Bequemer geht es natürlich bergab, falls man sich vorher in einer der zahlreichen Bergbahnen gemütlich hinaufschaukeln ließ. Vor einem ständig wechselnden, faszinierenden Bergpanorama, etwa der mächtigen Kanisfluh oder der atemberaubenden Felskette des Hohen Ifens, ertönen von den Alpen die fröhlichen Glocken des Vorarlberger Braunviehs. Kaum etwas beruhigt Herz und Nerven so sehr wie das tröstlich-sanfte Gebimmel aus den steilen Schluchten und von sanften Alpwiesen.

 

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Gaumen und Magen haben bald auch etwas davon, nämlich beim Einkehren auf einer Alp. Hier trifft man auf Menschen, die auf dem flachen Land kaum mehr zu finden sind. Erdverbundene Bäuerinnen und Männer mit von der Sonne gegerbten Gesichtern. Ruhig in all ihren Bewegungen, ein wenig scheu und dabei freundlich kredenzen sie, was auf der Alp gewonnen wird: Käse, Butter, Brot, Limonade oder Bier – gut, das kommt aus dem Tal. Sitzt man erst einmal beim Essen vor der Alphütte, den Blick träumerisch an die Bergwelt verloren, die Stimme der Bäuerin und den Glockenklang leise im Ohr, kommt einem schon der Gedanke: „Nie wieder geh ich fort von hier!“

Wandernd unterwegs, vorbei an Gams und pfeifenden Murmeltieren, hört man plötzlich ein bekanntes Klicken: Es klingt wie – genau, stiller Wanderer, dein liebster Feind ist dir auf der Fährte, der Mountainbiker! Doch keine Sorge, als mittlerweile fester Teil der Alpgemeinschaft haben sie nun ihre eigenen Strecken – samt einer Karte aller Mountainbike-Trails. Von allen Touren könnte jene rund um die Kanisfluh, von Mellau kommend Richtung Au abwärts, ein Klassiker im Steinbockrevier werden.

Begegnet man auf den Wegen einer Gruppe mit Eseln und grüßt man sie mit „Servas!“, entpuppen sich vermeintliche Älpler als Urlauber. Sie sind dem Zauber des Waldes so sehr verfallen, dass sie echter als Einheimische wirken. Von ihrem Beispiel inspiriert, erlebt man selbst, was es heißt, wirklich glücklich zu sein.

Autorin: Anne Siegel
Ausgabe: Reisemagazin Sommer 2010

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