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Mein Bödele

Mein Bödele

Unsere Autorin bittet darum, den folgenden Text einfach zu überblättern und in die großen Skigebiete des Bregenzerwaldes weiterzufahren. Das kleine Bödele wenigstens möchte sie nämlich für sich behalten.

Es wäre mir recht, wenn der folgende Text ungelesen bliebe. Er könnte nämlich manchen auf die Idee bringen, die Herde zu verlassen und am Bödele Ski zu fahren. Nicht gut. Man käme womöglich drauf, wie schön es dort ist: Naturschnee, wenige Menschen, breite Pisten und die schönste Aussicht Vorarlbergs. Ich teile mein Paradies nur ungern. Also einfach weiterblättern. Ich schreibe weiter, um mir die paar Euro zu verdienen, mit denen ich mir in der Meierei am Bödele eine Erbsensuppe kaufen kann. Und einen Subirer (Schnaps aus Mostbirnen).

So ziemlich alle Dornbirner Kinder lernen am Bödele Skifahren. Und das seit 1907, als ein großer Schlitten an einem Seil mit einem vier PS starken Puch-Motor dort hochgezogen wurde, wo heute die Piste Lank lockt. Diese Konstruktion war einzigartig in der österreichisch-ungarischen Monarchie. Vermutlich der erste öffentlich zugängliche Skilift überhaupt. Meine Großtante Anna war dabei. Noch in ihrem 102. Lebensjahr erzählt sie von den spektakulären Skirennen, die sie als Mädchen am Bödele gewonnen hat. So fahren also meine Vorfahren und schließlich meine Schwestern und ich auf einem Berg Ski, der im Volksmund als „Schneeloch“ bezeichnet wird.

 

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Manchmal beobachtet man im Westen eine Wolkenfront, die schnell näherkommt. Sie wirft Schatten auf den Bodensee, verdunkelt das Rheintal, prallt am Bödele auf ein erstes Hindernis und lässt eine Menge Schnee oder Regen fallen. Danach zieht sie erleichtert in die Alpen weiter. Trotz Wind und Wetter verlassen wir Mädchen unser Haus in der Kehlerstraße, marschieren mit schwerem Schuhwerk los, laut fluchend, jede von uns ein Paar Kästle-Holzski auf dem Buckel (mal links, mal rechts, mal quer, mal längs). Die Rotzglocken hängen uns aus den Nasen. Ein elendes Schleppen und Latschen – den Russenweg hoch, die Thomas-Rhomberg-Straße hinunter, durch den Friedhof, am Grab der Ahnen vorbei, bis zum Rathausplatz. Da steht er: der Bus aufs Bödele. Sein Diesel stinkt. Er ist schon voll. Zu dritt zwängen wir uns in einen Sitz. Nun beginnt die Fahrt. Und bei uns Mädchen ein Inden-Mund-Nehmen von – Dingen. Noch heute weiß ich, wie sich der rote, raue Plastikgriff meiner Skistöcke im Mund anfühlt. Selbst der Geschmack der Kreuzschraube und der Lederbänder ist mir noch präsent.

 

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Skifahren als orales Erlebnis: an selbstgestrickten Schafwollfäustlingen lutschen und es bereuen, wenn sie gefrieren. Das Knacken von Schneekristallen zwischen Zähnen. Der Eisengeschmack eines gut abgehangenen Eiszapfens. Die Fahrt aufs Bödele ist laut. Heiß. Eng. Und stickig. Immer wird uns in den vielen Kurven der alten Straße schlecht. Aber irgendwann sind wir da. Mit Besessenheit machen wir uns den Tellerlift an der Piste Oberlose untertan. Ehrfürchtig hängen unsere Blicke am Waldrand, wo der Schlepplift den Lank hochkriecht. Den zu fahren bedarf einer väterlichen „Lizenz“. Wir bekommen sie erst, nachdem wir „den Oberlose“ bezwungen haben. Danach folgen Hochälpele, Seeblick und die Krönung: der Alpenblick mit seiner schwarzen Buckelpiste und einem steilen Schlepplift samt eingebauter Kurve. Noch heute steht dort ein Schild: „Nur für Geübte.“

Das Bödele ist für Kleinkinder und Sportskanonen. Eine von ihnen heißt Marc Girardelli. Er trainiert hier als Kind und Jugendlicher und besitzt Medaillen und Kugeln in allen Farben. Fünfmal Skiweltcup-Gesamtsieger. Eine lebende Legende. Noch 1980 trägt man am Bödele Weltcuprennen aus. Meine Wintertage damals sind gewürzt mit verqualmten Hütten, Gulasch aus der Dose und Schnaps trinkenden Männern. Auf jedem Tisch prangt der Maggi-Ständer: ein Potpourri aus brauner Flüssigwürze, Zahnstocher, Salz, Pfeffer und Plastikblume. Ich sauge Sinalco-Limonade aus dem Strohhalm.

 

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Mit 18 kehre ich wie so viele dem Bödele den Rücken. Entdecke, dass es mehr gibt: Mellau, Damüls, Diedamskopf, Warth. Ein Sessellift ist eine feine Erfindung. Die Sessel werden breiter, die Sitze weicher, und plötzlich sind sie beheizt. Schneekanonen tauchen auf. Skigebiete werden verbunden. Altes muss jetzt weg. Mit jeder Neuerung kommen mehr Menschen auf die Pisten. Mit jedem Menschen wird es enger, lauter und teurer. Schließlich habe ich genug. Ich kehre aufs Bödele zurück. Nach 25 Jahren. Wie schön es hier ist! Oft lacht man mich aus, wenn ich erzähle, wie gut der Schnee am Bödele ist, obwohl weiter unten am Schwarzenberg schon die Gänseblümchen blühen. Ich erkenne die Stelle wieder, an der mich der Lank-Schlepplift stets abgeworfen hat und wie abenteuerlich es ist, zwischen tief verschneiten Nadelbäumen zur Waldabfahrt zu finden. Dort am Waldrand habe ich einmal einen Kuss bekommen: eiskalte Lippen auf heiße Wangen. Der Duft nach Fichtennadeln und Erde, wenn es im Frühling taut. Ein Rabe schreit in den Baumkronen. Hier gehe ich nicht mehr weg. Auf dem Foto sind übrigens meine Schwester und ihre Kinder am Bödele zu sehen. Sie fahren unter den gleichen Bäumen und über die gleichen Hügel wie meine Großtante Anna im Jahr 1907.

Autorin: Irmgard Kramer
Ausgabe: Reisemagazin Winter 2016/17

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