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Man muss arbeiten, ...

Man muss arbeiten, ...

Der Philosoph Peter Natter sucht am Genius loci im Bregenzerwald in Büchern nach Aussagen, die für die Region Bedeutung haben.

Es hat eine lange Tradition, den Wandel als das einzig Konstante darzustellen. Wie alle Traditionen gerät auch diese gern in Gefahr, missbraucht zu werden. Im Fall des Wandels geht es dann darum, eine dem Eigennutz förderliche Neuerung schwuppdiwupp einzuführen. So lohnt es sich, solchem Treiben eine vertiefte Reflexion über das Beständige gegenüberzustellen. Auch dazu sitze ich heute im Siebaner Häuschen und spinne den Faden weiter, der im Sommer mit Henry David Thoreau begonnen hat. Das Buch, das ich zur Hand nehme, ist „Der Betrachter“ von Imre Kertész (1929–2016), Literaturnobelpreisträger des Jahres 2002. Weil es „… einen enormen Unterschied macht, wo man liest“, wie Walt Whitman geschrieben hat, schlage ich das Buch im Bregenzerwald auf – gespannt, was der Charakter des Waldes mit meinem Lesen, mehr noch: mit mir anstellt.

Kertész, jüdischer Abstammung, wurde 14-jährig von Budapest nach Auschwitz und Buchenwald verbracht. Er kam davon und hat danach unter Bedingungen gelebt, die auf den ersten Blick mit dem Bregenzerwald nichts zu tun haben, nämlich im kommunistischen Ungarn des 20. Jahrhunderts. Allerdings ist es immer geboten, zweimal hinzuschauen, und oft lohnt sich ein drittes Mal. Das ist eine Sache der Geduld und Beharrlichkeit, die wiederum schwer möglich sind ohne den Glauben an das Bleibende in all dem Wandel. Denn der Blick auf die Bedingungen, unter denen Kertész sein schriftstellerisches Werk geschaffen hat, weckt Erinnerungen. (Erinnerungen, das sei hier in Klammern angemerkt, sind ein mehr als deutlicher Hinweis auf Bleibendes im Wandel.)

Es weckt Erinnerungen an den Schriftsteller des Bregenzerwaldes, an Franz Michael Felder. Man möge mir gestatten, ihn hier derart solitär zu präsentieren, als den Schriftsteller. In Kertész’ „Betrachter“, einem Tagebuch, steht folgender Satz: „Wir verstehen die Welt deshalb nicht, weil das nicht unsere Aufgabe auf Erden ist.“ Ging es nicht exakt darum in Felders heftigem Streit mit dem Klerus seiner Zeit: Eine Aufgabe definiert zu haben, die eine überaus irdische war, statt ein Pseudoverständnis himmlischer Herrlichkeiten nachzubeten? Sich um Genossenschaften und Versicherungen zu kümmern, das Menschliche in den Mittelpunkt zu stellen, statt einer Ideologie? Das, was man tagtäglich und ohne großes Tamtam tut, sich von der Seele diktieren zu lassen, ist das nicht gut wälderisch? Von der Seele, nicht von den Demagogen, auch nicht von den Rechnern. Von der Seele, das heißt von der Natur, von der eigenen, menschlichen, und von der, deren
Teil eine(r) ist, anders gesagt, um auf den Anfang zurückzukommen, vom Unwandelbaren.

Apropos Seele: „Die menschliche Gespaltenheit zwischen <Seele> und <Interesse> … treibt den Einzelnen und auch die Gesellschaft in eine zunehmend schizophrene Lage …“ Auch diesem Zwiespalt entfliehe ich immer (noch) gern in den Bregenzerwald, in meinen Bregenzerwald: Dieses besitzanzeigende Fürwort setze ich bewusst. Wie ja auch die sozialen und touristischen Bemühungen darauf ausgerichtet sind, den Bewohnern und Gästen ihren ganz persönlichen Bregenzerwald erfahrbar zu machen, und damit nichts anderes, nichts Geringeres als sich selbst. Arbeiten, sich in der praktischen Welt bewähren, auch schreiben und der Eitelkeit widerstehen: Auf die Bedeutung solcher Tugenden verweist mich die Bregenzerwälder Kertész-Lektüre.

Walt Whitman: „Ich behaupte, der tiefgreifendste Dienst, welchen Gedichte oder jede andere Literatur ihren Lesern leisten können, ist nicht bloß, den Intellekt zu befriedigen oder etwas Geschliffenes und Interessantes zu liefern, nicht einmal großartige Leidenschaften oder Personen oder Ereignisse abzubilden, sondern den Leser mit kraftvoller und reiner Männlichkeit, mit Religiosität zu erfüllen und ihm das Herz zu stärken als spürbare Besessenheit und Gewohnheit.“ (Noch eine Klammer: An der reinen Männlichkeit möge sich fürs Erste keine(r) stoßen. Whitman, 1819–1892, verdient das.)

Wenn ich im winzigen Siebaner Häuschen aus dem Fenster schaue, geht mein Blick auf ein paar Bauernhäuser. Es gibt mir ein gutes Gefühl, was ich da sehe. Weil es nicht viel braucht, aber eben das Richtige, um sich heimisch zu fühlen. Kertész sagt es aus seiner kommunistisch-trostlosen Welt heraus so: „Das Sortiment guter Dinge ist klein, ein paar gute Bilder, wahre Ideen, ein paar gemessene große Worte, ohne Gift und Galle: Ein einfaches sauberes Haus, kein Mief, und ich fühle mich sofort heimisch, allein durch die Geste, mit der mich der Hausherr hereinbittet.“ Jetzt mag ich sogar das ins Spiel bringen, was Touristiker so gern preisen: die Bregenzerwälder Gastlichkeit, die, bzw. deren Ideal, Kertész so schön auf den Punkt bringt. Er weiß übrigens, wovon er spricht, war er doch, gegen Ende seines Lebens zu Ruhm, Ansehen und Geld gekommen, gern zu Gast in schönen Hotels. Allerdings, auch das muss gesagt werden, hat Kertész mit größter Klarheit die Gefahren des Ruhms und der Noblesse am eigenen Leib (wo sonst?) erfahren. Nein, so spannend habe ich mir Kertész im Bregenzerwald nicht vorgestellt gehabt, aber wie sagt Walt Whitman: „Es macht einen enormen Unterschied, wo man liest.“

Imre Kertész: Der Betrachter.
Aufzeichnungen 1991–2001.
Rowohlt 2016

Ausgabe: Reisemagazin Winter 2017/18

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