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Längst im Museum

Längst im Museum

Sie ist 82 und bildet eine der Säulen des Frauenmuseums in Hittisau: Irma Eberle erzählt Besuchern Geschichten von besondern Frauen aus dem Bregenzerwald – wie sie selbst eine ist.

Leidenschaftliche Neugier hält Irma jung – aufmerksam und gespannt sitzt die 82-Jährige am Tisch. Das Interesse an ihrer Familie, ihrer Umwelt und dem kulturellen Geschehen in Hittisau tut ihr gut. Irma ist die älteste Mitarbeiterin im einzigen Frauenmuseum Österreichs. Die Gründung dieses Frauenmuseums im Jahr 2000 verdankt sich dem Engagement von Elisabeth Stöckler und einer kleinen Gruppe junger und älterer Frauen aus Hittisau. Ursprünglich war mit dem Gebäude ein neues Feuerwehrhaus für das Dorf geplant. Im ersten Stock, einem hellen, großen Raum, sollte ein Heimatmuseum entstehen. Doch die Frauen schufen „ihr“ Museum. Von der ersten Minute an war auch Irma ein begeistertes Mitglied.

Mit „Mythos und Alltag“ begann im Mai 2000 der Museumsbetrieb. In den Anfangszeiten haben alle Frauen gemeinsam an neuen Projekten gearbeitet. Recherche, Ausarbeitung und Umsetzung der Führungen sowie der Aufbau im Museum entstanden in der Gruppe. Und Irma arbeitet mit im Team – der Museumsausbildung ist sie lächelnd entgangen. Sie steht zu ihrem Geschmack: „Ich kann nicht den ganzen Sommer an einer Figur vorbeigehen, die mir nicht gefällt.“ Mit modernen, abstrakten Objekten hat sie ihre Schwierigkeiten, umso lieber arbeitet sie an historischen Ausstellungen mit. Irma ist eine sehr praktische Frau. Großen Gefallen findet sie an Projekten, die außergewöhnliche Geschichten von Frauen erzählen. Diese Erfahrungen behält sie fest in Erinnerung. Sie berichtet von der Ausstellung „Göttin, Hexe, Heilerin“. Neben unzähligen heimischen Heilkräutern wurde für jede im Bregenzerwald verbrannte „Hexe“ eine Rauchbrandtafel im Museum aufgehängt. Eine Ausstellung mit dem Titel „Ravensbrück“ stellte Geschichten über gefangene Frauen zur Zeit des Nationalsozialismus vor. Irma erzählt die Geschichte von Frau Hofinger, einer Magd auf einem Bauernhof in Vorarlberg, die während der Kriegszeit Gefallen an einem polnischen Gehilfen findet. Ihre Schwangerschaft führt zur Verhaftung. Der polnische Arbeiter wird getötet, Frau Hofinger bringt ihr Kind in Gefangenschaft im KZ Ravensbrück zur Welt. Sie arbeitet in einem Werk von Siemens neben dem Lager, ihr Sohn wächst auf dem Hof auf. Frau Hofinger überlebt das KZ und kehrt zurück auf den Hof, zurück zu ihrem Kind. Beeindruckt zeigt sich Irma auch von den Ausstellungen „Tollkühne Frauen“ sowie „Europäerinnen“, und bei dieser besonders vom Film über die Roma Ceija Stojka.

 

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Irma wächst mit vier Brüdern und zwei Schwestern auf einem Bauernhof in Hittisau auf. 1957 heiratet sie ihren Mann Alfons. Gemeinsam haben sie sechs Kinder – sieben Söhne, um genau zu sein. Doch einer stirbt mit sechs Jahren bei einem Unfall. Alle Söhne sind technisch begabt und machen eine Ausbildung an der HTL in Bregenz. Als Vierzigjährige macht Irma den Führerschein. Nun fährt sie oft nach Bregenz, um ihren Kindern lange Wartezeiten auf den Bus zu ersparen und sie abzuholen.

Neben der Arbeit in ihrem großen Haushalt vermietet sie etwa dreißig Jahre lang drei Fremdenzimmer mit Frühstück. Dann schließlich 1998 stirbt ihr Mann. Zu Beginn fällt ihr die viele Freizeit schwer – heute fällt es mir schwer, einen Interviewtermin bei der vielbeschäftigten Frau zu bekommen. Neben ihrer Arbeit im Frauenmuseum spielt sie regelmäßig Karten mit acht Freundinnen und strickt in einer Handarbeitsgruppe in Hittisau. Wenn der Sommer beginnt, kann sie es kaum erwarten, an schönen Sonntagen Bergtouren mit ihren Söhnen zu unternehmen. „Das Aufsteigen birgt große Mühen, aber wenn ich oben stehe, ist es einfach schön.“ Die Bewegung, die frische Luft, die Begegnungen mit verschiedenen Menschen, die Arbeit im Museum aber vor allem ihre leidenschaftliche Neugier am Leben halten Irma so jung, wie ich sie erleben durfte.

Autorin: Milena Broger

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