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Klänge aus weiten, fremden Welten

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Klänge aus weiten, fremden Welten

Das Schlagzeug ist Alfred Vogels ständiger Begleiter. Ob in New York, Berlin oder Bezau. Dort setzt er der lokalen Dürre in Sachen Weltmusik das international angesehene Festival Bezau Beatz entgegen.

An so manchem Abend im August, wenn die Hitze des Tages noch wie greifbar in der Luft steht, wird der Endbahnhof der einstigen Bregenzerwaldbahn zur Filmkulisse. Scheinwerfer tauchen das Gelände mit den alten Waggons, die viele Jahrzehnte das Tal mit Bregenz verbunden hatten, in helles Licht. Menschen, die sich auf den Gleisen sitzend oder an der Bar stehend unterhalten, werfen lange Schatten. Lachen ist zu hören, leise Musik und Schritte im dicken Eisenbahnschotter. Es riecht nach alter Kohle und Rost. Auf der Wartebank am Bahnsteig sitzen Musiker, sie unterhalten sich, trinken etwas.

Es ist Pause – eine zeitlose Überörtlichkeit unter der Bahnhofsuhr. Bald werden die Besucher wieder in die weit geöffnete Halle der Remise zurückgehen, um sich von den Klängen der nächsten Formation in andere Welten tragen zu lassen. „Für mich ist Musik schlicht das Vehikel für Reisen im Kopf,“ sagt Alfred Vogel. „Dass das hier auf der offenen Bühne eines Bahnhofsgeländes stattfinden kann, ist mehr als ein schönes Sinnbild. Ich mag Bahnhöfe grundsätzlich. Und den hier besonders. Er wirkt manchmal fast wie in einem Western.“ Die erste Bezau Beatz vor zehn Jahren fand noch auf dem Dorfplatz statt. Auch dieser habe Charme gehabt, meint der Musiker, Produzent und Veranstalter. Doch in der Remise sei man wetterunabhängig und könne das Festival zu einem Paket schnüren: Konzerte und Kulinarik an einem besonderen Ort. DJ-Fahrten mit der Dampflok, ausgesuchte Bregenzerwälder Spezialitäten – „ohne gutes Essen geht im Wald gar nichts!“ – und Auftritte von Jazzgrößen wie dem US-Trompeter Peter Evans, der belgischen Sängerin Trixie Whitley und des Reggae- Stars Wally Warning machten aus dem einstigen Platzkonzert beim Dorfbrunnen ein renommiertes Festival. Vom Feuilleton gewürdigt und dem Publikum gefeiert.

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„Bewährtes ist wichtig, aber ich baue auch auf die Bereitschaft der Konzertbesucher, sich auf etwas Neues, Ungewohntes einzulassen. Das Festival läuft gut, weil es diese Mischung gibt. Wir bieten nicht eine Nacht lang ausschließlich Jazz, sondern eben auch Musik aus anderen Bereichen oder genreübergreifende Projekte. Zugegeben, das ist dann manchmal eine Herausforderung für den eingefleischten Jazzfan und umgekehrt auch für den, der mit Jazz nicht viel am Hut hat. Aber bis jetzt war es noch jedes Mal so, dass die Experimente bestens angenommen wurden. Das Entscheidende ist immer die Intensität der Performance.“ Was sich nach einem Spaziergang anhört, war für Alfred Vogel ein Sprung ins kalte Wasser. Und quasi aus der Not geboren.

„Als ich mich vor fast zwanzig Jahren der Liebe wegen in Bezau niedergelassen habe, war hier nichts los in Sachen Jazz. Mir fehlte der Austausch, den ich von Städten wie New York gewohnt war. Ich musste etwas tun. Mir ein kleines bisschen Szene hierherholen.“ Den Großteil des Jahres lebt Alfred Vogel das Leben eines Schlagzeugers und Produzenten, der mit wechselnden Musikern durch die Welt tourt oder welthaltige Alben einspielt (etwa: Vogelperspektive Vol. 1 bis 5, Label: boomslang Records). Ein stetig wachsender Teil der Zeit ist nun aber auch für das Veranstalten reserviert –  das bringt bisweilen spannende Reisen. Zuletzt nach Norwegen zu einer der größten Musikmessen der Welt. Ein ganzes Land stellte sich, seine Musik und seine Musiker vor.

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„Eine unglaubliche Sache. Eingeladen waren die Leiter der 26 weltweit renommiertesten Jazzfestivals – darunter jener des Winter Jazz Fests New York oder des London Jazz Festivals. Und der Bezau Beatz. Also ich. Klar, dass ich da gefragt wurde: Where, please, is Bezau? Als sie dann erfahren haben, wer alles bei uns war, war die Überraschung groß und ich stolz. Wir reisten an verschiedene Plätze, wo wir auf heimische Musiker trafen. Der Saxophonist Truygve Seim etwa spielte auf einem kleinen Boot inmitten eines riesigen Fjordes. Rundherum die überdimensionale Stille und Weite einer unermesslichen Landschaft, ganz nahe hingegen die Töne des Musikers. Ich habe viel gelernt, etwa, dass Musik immer auch Verortung bedeutet. Norwegen ist ein riesiges Land. Mit wenig Einwohnern. Klar, dass ihre Musik nach dieser cinemaskopisch- weiten Landschaft klingt. Und gleichzeitig nach einer harten, existenziellen Erdigkeit. Und nach Regen. Sie wird sich unterscheiden von der Musik einer Band aus einer flirrenden Großstadt, deren Musik wird nervöser sein. Spannend finde ich, wenn diese Musik von weither im Bregenzerwald auf diesen Ort und seine Menschen trifft. Das ist dann ein sehr spezieller Moment. Fast spirituell.“

Spirituell ist ein Begriff, der auch fällt, wenn Alfred Vogel erzählt, wie er zum Schlagzeug gefunden hat. Oder das Schlagzeug zu ihm. „Es war bei meiner Erstkommunion. In Lustenau war es in den 1970er-Jahren üblich, dass die Erstkommunikanten mit Marschmusik zur Kirche begleitet wurden. Da war diese Trommel, die mich fast körperlich getroffen hat wie ein Schlag in den Magen. Das hat gesessen: Ich wusste, das will ich. Nur war es damals leider so, dass, wollte man in die Musikschule, man zuerst Blockflöte zu lernen hatte. Diesen Umweg wollte ich nicht gehen. Glücklicherweise war da Elmar Moosbrugger, genannt El Moses. Der war der einzige Schlagzeuger im Land, der auch Schüler ohne Flötenkenntnis nahm. Die Stunden gab er in einem Proberaum. Und weil es dort so nach Keller roch, wurden immer kleine Weihrauchkugeln angezündet. Es ist mir erst viel später bewusst geworden, dass das Schlagzeug und ich zu Beginn immer unter einer Art heiligem Vorzeichen standen.“

Autorin: Carina Jielg
Ausgabe: Reisemagazin Sommer 2018

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