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Hoch überm Grat

Hoch überm Grat

Die Niedere in Andelsbuch ist eines der besten Gebiete für Gleitschirme in Europa.

Die Baumberger von Andelsbuch erleben auch Kurioses wie den Gleitschirmpiloten, der ein Rehkitz entführt hat und mit ihm ins Tal fliegt.

Die Sonne steht hoch über dem Grat der Niedere, dem Hausberg von Andelsbuch. 70 oder 80 Menschen sitzen im sattgrünen Frühsommergras in 1586 Meter Seehöhe auf einer abschüssigen Wiese direkt hinter dem Bergrestaurant – in Outdoor-Kleidung und jeder mit einem riesigen Rucksack. Alle paar Minuten steht einer auf, aus dem Rucksack wird eine  große Stoffbahn entfaltet, die Leinen werden geordnet, der Helm wird auf den Kopf gestülpt, Anlauf, ein Rauschen – der Gleitschirm steigt auf, der Pilot sitzt im Gurt und fliegt. Vor dem strahlend blauen Himmel sind unzählige Schirme in Rot, Blau, Weiß und Grün zu sehen. Es ist Flugtag auf der Niedere.

Die Niedere gilt als eines der besten Fluggebiete Europas  für Gleitschirme, dank konstanter Aufwinde und meist gutmütiger Thermik ideal auch für Anfänger. Die Verhältnisse ermöglichen einen ganzjährigen Flugbetrieb. Gestartet wird Richtung Süden auf der Bezauer Seite und Richtung Nordosten auf der Andelsbucher Seite – Letzteres allerdings nur im Sommer. 930 Höhenmeter unterhalb des Startplatzes landen die Piloten auf einer Wiese in Andelsbuch. Wenn alles gut geht. Alle zwei Monate etwa geht es nicht gut: Ein Baum wird zum Landeplatz – in zehn, zwanzig oder dreißig Meter Höhe.

 

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In der Pizzeria von Andelsbuch sitzen Andreas Albrecht, Tone Geser, Erika Lerchenmüller, Siegfried Marxgut, Gerhard Ritter und Michael Simma. Die sechs gehören zu den insgesamt 15 „Baumbergern“ des Andelsbucher Roten Kreuzes. Ein historisch gewachsenes Unikum, denn für gewöhnlich ist die Bergrettung für Gleitschirmpiloten in Bäumen zuständig. „Es sind so gut wie immer Piloten mit wenig Routine“, sagt Michael.

„Manche gewinnen gleich nach dem Start zu wenig Höhe, dann ist der Flug nach ein paar Sekunden schon vorbei. Andere berechnen eine Kurve falsch oder werden von einer Windböe überrascht.“

Michael Simma

Hängt man als Gleitschirmflieger erst einmal im Baum, gilt es vor allem Ruhe zu bewahren. Auf keinen Fall sollte man versuchen, sich selbst zu befreien – es besteht Absturzgefahr. In der Rettungs- und Feuerwehrleitstelle des Landes Vorarlberg ist stets ein Zweier-Team der Baumberger in Bereitschaft. Gemeinsam mit einem Feuerwehrmann fahren sie im Geländefahrzeug möglichst nah an den Unfallort heran – und zwar oberhalb des Verunfallten, denn bergab läuft es sich leichter mit der schweren Bergeausrüstung.

„Der Notlandeplatz Baum ist nicht der schlechteste“, erläutert Gerhard. Die Äste bremsen vergleichsweise sanft. Ernste Verletzungen bei einer Baumlandung haben die sechs noch nie erlebt. Deshalb hat das Baumbergen für sie auch ein wenig sportlichen Charakter. Dennoch ist es immer ein Schreck für den Piloten: „Da reagiert jeder anders. Manche hängen ganz entspannt in ihrem Sitzgurt“, meint Erika. „Wobei die meisten keinen so guten Humor mehr haben“, ergänzt Tone. Er ist mit 51 Jahren der Älteste der Gruppe, aber „so gnoht“ – will heißen „so schnell“ – wie er komme sonst keiner in den Baum hinauf, meinen die anderen anerkennend.

„Wir steigen im Baum über den festsitzenden Piloten. Ist der nahe  am Stamm, wird meist abgeseilt. Je weiter draußen er in den Ästen hängt, umso schwieriger. Dann hilft nur noch eine Seilbahn: Ein Seil wird vom Baum schräg bis zum Boden gespannt – der Pilot samt Sitzgurt daran eingehängt und langsam auf festen Untergrund befördert.“ Dann kommt der Schirm: „Das ist oft mehr Arbeit als der Pilot. Die vielen feinen  Leinen aus den Ästen zu zwirbeln dauert lang. Aber es ist für uns Ehrensache, den Schirm unbeschädigt aus dem Baum  zu bergen“, meint Siegfried.

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Aus welcher Baumart es sich angenehmer bergen lässt, darüber sind sich die Baumberger nicht einig. Erika, Siegfried und Tone mögen Buchen: „Die haben unten wenig Äste, man kommt mit der Arbeitsleine und den Steigeisen schnell hoch – und man ist nicht so verdreckt wie bei einer Tanne.“ Eben wegen der Glätte mögen die Kletterer Andreas und Michael die Buchen nicht – zu wenig Äste, um sich festzuhalten. Ihnen ist es am liebsten ohne Steigeisen und Arbeitsleine. „Es ist ein Erika Lerchenmüller ist erleichtert und stolz: Sie hat Mann und Schirm aus dem Baum geborgen bisschen wie noch einmal Bub sein dürfen – wer kann als Erwachsener sonst noch in Bäumen herumklettern, ohne schief  angeschaut zu werden?“, grinst Andreas. Eines mögen alle nicht: nasse Bäume.

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Nur bei schweren Unfällen wird der Hubschrauber alarmiert. Das hat mehrere Gründe: Von der Niedere gibt es an guten Flugtagen 400 bis 500 Starts; bis zu 200 Piloten sind gleichzeitig in der Luft – ein Horror für jeden Hubschrauberpiloten, der sich Meter für Meter den Bergkamm hinaufarbeiten muss. Auch könnte der starke Sog des Rotors den Schirm samt verunfalltem Piloten aus dem Baum zerren. Nur einer der Baumberger fliegt selbst. Der dafür exzessiv: Michael Simma bringt es auf über 250 Starts im Jahr von der Niedere – im Winter fliegt er häufig bis nach Hause beziehungsweise bis zur nahen Loipe und landet neben verdutzten Langläufern. Er macht demnächst die Prüfung zum Tandempiloten. Die anderen Baumberger haben sich bereits geschlossen zu einem Flug angemeldet.

Selbst für ihre Verhältnisse erleben die Baumberger Kurioses: einen Einsatz wegen in einem Baum verhedderter Kinderluftballons etwa; oder einen Gleitschirmpiloten, der kurzerhand ein Rehkitz entführt und mit ihm ins Tal fliegt, weil es vermeintlich keine Mutter mehr hat. Und auch Schönes: Dass der Unfallpilot, heilfroh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben, die Helfer auf ein Bier einlädt, kommt durchaus vor.

Autor: Martin Hartmann

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