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Hoch hinaus? Hoch hinauf zu den Quellen

Hoch hinaus? Hoch hinauf zu den Quellen

Der Philosoph und Schriftsteller Peter Natter ist unterwegs, um zu erfahren, was Natur uns bedeuten kann.

Herunten, im Rheintal, wollen die Menschen schon den Sommer ins Land zwingen, dabei ist es erst Ende Mai. Zwei, drei Wochen sei die Natur früher dran als in anderen Jahren, heißt es. Es blüht und grünt ja wirklich, was das Zeug hält. Gemäht wird auch schon landauf, landab. Droben aber, in den Bergen, schaut es anders aus. Meterweise Schnee, vor allem an den Schattenhängen und in den tiefen Mulden. Während im Tal also der Sommer einzieht, müssen die Älpler warten. Noch ist es zu früh, um das Vieh auf die Bregenzerwälder Hochalpen zu bringen.

Für mich Seelenwanderer ist jetzt die beste Zeit. Eine Zeit zwischen den Jahreszeiten, sie lässt vieles offen. Der Rucksack ist ein bisschen schwerer diesmal. Zwar habe ich den Schlüssel für eine Jagdhütte in der Tasche, in der ich zwei Nächte verbringen will. Aber nein, Vorräte seien noch keine oben, dafür genug Brennholz, sagt der Besitzer, und das Brünnlein sollte auch schon wieder laufen, meint er. So fahre ich eines Morgens mit einem frühen Postbus weit hinein in den Bregenzerwald. Beim Aussteigen im kleinen Bergdorf geht eben die Sonne hinter den Gipfeln auf. Ein frischer, kalter Wind bläst mir um die Nase, schon bin ich froh um den Pullover, der mir bei der Abfahrt noch spöttische Blicke eingetragen hat. Menschen sind keine zu sehen, aber das Kirchenportal steht weit offen und Gesang und Orgelspiel sind zu hören. Richtig, es ist Feiertag heute. Mit einem freundlichen Gruß und der Bemerkung, ich sei früh dran, um da hinaufzukraxeln, verabschiedet mich der Chauffeur. Jetzt ist der Bus leer, das Ziel bald erreicht, dann wird er wieder umdrehen und in den Frühsommer zurückkehren. Ich schultere den Rucksack und mit ihm mehr als nur das Gewicht von reichlicher Verpflegung, Schlafsack, Wäsche und was man so braucht, bis hin zur Lektüre. Was ich mir noch auflade, sind Gedanken, Fragen, Überlegungen. Für den heutigen Abschnitt meiner diesmal dreitägigen Wanderung habe ich mir ein steiles und langes Stück Weg ausgesucht. Dass ich von Orgelspiel und frommem Gesang begleitet werde, ist ein gutes Omen. So bleibt ein Eindruck zurück, der gut zu meinem Vorhaben passt. Das Ziel für heute ist nämlich das Quellgebiet der Bregenzerach. Hoch hinauf soll es also gehen und gleichzeitig der Sache auf den Grund. Die Quelle darf hier ruhig als Metapher verstanden werden, auch als Programm, als Jungbrunnen gar. Von der Lebensader des Bregenzerwaldes habe ich gelesen bei der Vorbereitung auf meine Wanderung. Das ist eine schöne und treffende Bezeichnung für den gut 70 Kilometer langen Wasserlauf. Ist doch die unentwegte Erneuerung, damit aber auch die Vergänglichkeit, ein Programm, das uns Menschen selbst ebenso eingeschrieben ist wie unseren Errungenschaften und unserem Tun.

 

Frostig ist der Hauch, der mich von den Schneefeldern anweht, zwischen denen ich in die Höhe steige. An den Sonnenhängen auf der Südseite aber wird es grün, und die Sonne, die mindestens so unaufhaltsam höher klettert wie ich, zaubert auch hier eine Ahnung von Sommer auf die Wiesen. Das belebt und beflügelt meine Gedanken, die dem Lauf des munter sprudelnden Wassers zu meiner Rechten folgen. Wie lange wird es dauern, bis das Schmelzwasser von Mohnenfluh, Juppenspitze, Karhorn oder Widderstein sein Ziel in der Nordsee erreicht? Wird dann noch etwas übrig sein vom „Wälderischen“? Darüber braucht man sich nicht lange den Kopf zu zerbrechen. Für mich aber ist es ein Einstieg in mein eigenes Nachdenken über die Seele der Region, deren Suche meine Wanderung gilt.

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Mittlerweile bin ich auf dem da und dort noch schneebedeckten Güterweg an einer schönen, großen Alphütte angekommen. Die Fensterläden stehen offen, Zaunpfähle sind säuberlich aufgeschichtet, dazu etliche Festmeter Brennholz. Man ist für den Sommer gerüstet. Mein Ziel rückt langsam in Reichweite. Rechter Hand lasse ich einen hoch gelegenen Talkessel liegen, er kommt morgen dran. Lawinenkegel ziehen sich durch steile Furchen ins Tal. Habe ich Wild beobachtet? Vor der Alphütte halte ich Mittagsrast. Brot, kalter Braten, Obst, sogar Kaffee gibt es noch in der Thermosflasche – und einen Schluck Schnaps. Ihn Weihwasser zu nennen, könnte hier und jetzt seine Berechtigung haben, nicht nur wegen des Feiertags. Am besten aber schmeckt die Stille rundum. Sie ist natürlich keine richtige Stille. Aber verglichen mit dem Lärm, wie ich ihn aus der Stadt kenne, ist das hier wunderbar: das unentwegte Rauschen des Wassers, die vereinzelten Schreie der kreisenden Raubvögel, der Wind in den Tannen. Es ist wunderbar, weil es Phänomene sind, die dazugehören zur Natur und Ordnung der Dinge.

So wandere ich in den Nachmittag hinein. Ich will noch hinauf auf den Sattel und ein Stück darüber hinweg, bis sich der Blick weit nach Osten öffnet, über Schluchten hinweg und Berge und Täler. Es wird ein Blick sein aus dem Bregenzerwald hinaus. Wenn ich mich dann aber wieder umdrehe, um mein Nachtquartier anzusteuern, liegt er vor mir, der Wald. Dann wird auch schon die Sonne untergehen, wahrscheinlich über der Kanisfluh, wenn nicht gar über dem Pfänder. Abend. Eine Petroleumlampe brennt in der winzigen Hütte. Sonnenverbrannt sind die Balken, aus denen sie gezimmert worden ist vor zig Jahren. Rechtzeitig zum Sonnenuntergang bin ich angekommen. Lange habe ich gebraucht, um mich vom Anblick und von den Geschichten der im Abendlicht in allen Rot- und Orangetönen illuminierten Gipfel loszureißen. Nur der Wunsch, sie in Worte zu fassen, hat mich schließlich Einkehr halten lassen, und der Hunger natürlich und die Freude auf ein warmes Stübchen und einen Platz, um die Beine auszustrecken. Bald brennt ein Feuer im gemauerten Herd, während es rasch dunkel wird draußen und jetzt so richtig still. Frischen Kaffee kochen, Abendbrot essen, Speck und Käse. Eine Stunde lesen. Dass jeder Leser, wenn er liest, ein Leser seiner selbst ist, wie ein großer Autor behauptet hat – hier wird es Wirklichkeit, spätestens als ich das Buch aus der Hand lege, dem Knistern und Knacken der Glut zuhöre und für eine Viertelstunde oder zwei vor der Tür in der stockdunklen Nacht stehe. Dann lasse ich das Feuer ausgehen und bereite mir ein Nachtlager auf dem Kanapee. Erstaunen beim Blick auf die Uhr: Es ist nicht einmal halb zehn, Mitternacht ist fern. Zu Hause bei Weitem keine Zeit fürs Schlafengehen. Hier heroben dehnt sich die Zeit um ein Vielfaches und bis zum Einschlafen dauert es noch eine Weile, denn das Fehlen aller Routine macht aus jedem Geräusch, aus jedem Widerschein des Lichts den Anfang einer langen Erzählung. Über irgendeiner von ihnen schlafe ich schließlich ein.

Weil in der Abgeschiedenheit und der Einfachheit der Umgebung alles ganz selbstverständlich das und nur das ist, was es ist, bin ich am frühen Vormittag bereits wieder ausgeruht und gestärkt auf dem Weg. Eine Wanderung steht an, die mich zuerst Richtung Tal führt, ein gutes Stück der jungen Ach entlang, dann aber in einem weiten Bogen links hinauf, wo in der Ferne die Mohnenfluh aufragt. In wenigen Wochen werden hier überall Wanderer und Älpler unterwegs sein, wird das Vieh weiden, wird jenes Leben Einzug gehalten haben, das seit Menschengedenken einen beträchtlichen Teil der Bregenzerwälder Identität ausmacht: die Alpwirtschaft. Heute bin ich. Langsam erst apern die Schattenhänge aus. Die Baumgrenze habe ich unter mir gelassen, der Talkessel streckt sich, trotz des blauen Himmels geht etwas Bedrohliches von den dunklen Rinnen und Wänden aus, die den Horizont beengend umschließen. Immer wieder bleibe ich stehen oder setze mich auf einen halbwegs trockenen Stein. Was mich anhaltend fasziniert, ist der Gedanke an die Anfänge dessen, was heute so festgefügt scheint. Was hat die Menschen hier herauf getrieben vor mehreren Jahrhunderten? Sind sie einfach dem Wasser gefolgt? Sind sie auf ein Ziel zuoder von irgendetwas weggegangen? Ich stelle mir Trecks von Männern, Frauen und Kindern vor, die unter unvorstellbar harten Bedingungen ihren Weg gesucht haben. Ich möchte eine Linie finden, die das, was in der Region heute geschieht, mit diesen Anfängen verbindet; möchte das, was kulturell, wirtschaftlich, sozial, im Handwerk und Gewerbe, in den Schulen, in der Gastronomie und Landwirtschaft als wesentlich angesehen wird, abklopfen auf die Ursprünge, die zu kennen oder zu denen gar zurückzukehren mir natürlich verwehrt ist. Was möglich ist, sind Ahnungen. Ihnen kann ich am Abend dann viel Raum geben. Ich spüre auch, wie der Blick hinunter, hinaus, hinüber, in die unzugänglichen Schluchten und zu den Alpen, wo ich vor ein paar Stunden noch gestanden bin, dass mich dieser Blick mit der Gegenwart verbindet und gleichzeitig der Vergangenheit nähert. Wo sonst soll die Seele zu finden sein, wenn nicht in diesem Ineinanderfließen der Zeiten?

Morgen früh führt mich der Weg der Bregenzerach entlang zurück in Franz Michael Felders Heimatdorf. Dort werde ich die Wanderung beschließen.

Autor: Peter Natter
Ausgabe: Reisemagazin Sommer 2015

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