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Glück unter hohem Himmel

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Glück unter hohem Himmel

Es ist ein Leben in und mit der Natur. Tagwache für den Hirten ist um fünf Uhr früh. Da macht er sich auf den Weg zu seinen Schafen. Die stehen zu dieser Zeit auch langsam auf.

Es muss schon – umso mehr, als es gut ein Jahrtausend her ist – ein „zäher Siach“ gewesen sein (also einer, den nichts so schnell umhaut), der den Bregenzerwald bis ganz nach hinten durchquert hat, um ihn urbar zu machen. Schließlich zeigte sich der Bregenzerwald damals nicht als einer, der Neulinge mit offenen Armen empfangen hätte. Schon eher mit steilen Hängen, abgründigen Schluchten, reißenden Flüssen und einem gewiss nicht wirklich freundlichen Klima. Aber wenn du zäh genug warst, bist du heute ein richtiger Wälder. Warst du noch um eine Spur zäher, bist du ein Walser.

Zwischen dem hintersten wie obersten Bregenzerwald und dem Großen Walsertal liegt die Alpe Schadona. Auf ihr wirtschaftet Jahr für Jahr ein paar Sommerwochen lang Helmut Fink. „Sieht er, Hüter von knapp 1.000 Ostschweizer und Bregenzerwälder Schafen, sich als zäher Siach? – werde ihn fragen“, denke ich mir. Dann sitze ich einem freundlichen jungen Mann gegenüber. Die Ruhe, die er ausstrahlt, macht die Frage überflüssig. Jahr für Jahr verbringt er seinen Urlaub, ja, seinen Urlaub, auf der Alpe Schadona. Gemeinsam mit seiner Frau Waltraud und den vier Kindern, von denen das Älteste bereits eigene Älplerwege geht. Noch vor seiner Schreinerlehre hatte Helmut acht Sommer auf der Alpe der Großeltern mitgeholfen. Die Faszination des Alplebens ließ ihn nie mehr los – egal, ob es sich um Melk- oder Jungviehalpen oder eine mit Schafen handelt.

Mit drei anderen Familien aus dem hinteren Bregenzerwald teilen sich die Finks die Alpzeit von Mitte Juni bis gegen Ende September. Drei bis vier Wochen trifft es ihn daher jedes Jahr. Das ist sein Urlaub. Also, die Zeit, die andere an überfüllten Stränden, in überteuerten Städten oder auf hektischen Reisen verbringen. Zieht es ihn denn gar nicht ans Meer? „Vielleicht irgendwann ein paar Tage, aber sicher nicht drei Wochen!“ Ein Leben ohne Strom, ohne Radio, ohne Zeitung, ohne so vieles, was wir unbedingt zu brauchen glauben. Und es ist wunderbar. Gekocht wird am liebsten auf dem Küchenherd, wo man einheizt, sobald das Wetter schlecht ist, also recht oft. „Hoffentlich ist bald wieder Regenwetter, dann gibt es ein Mus!“, orakeln die Buben. Es ist ein Leben in und mit der Natur. Tagwache für den Hirten ist um fünf Uhr früh. Da macht er sich auf den Weg zu seinen Schafen. Die stehen zu dieser Zeit auch langsam auf. Jetzt geht es darum, kranke Tiere zu erkennen. Meistens sind es die, die am längsten liegen bleiben. Außerdem muss Fink versprengte Grüppchen in dem riesigen Weidegebiet finden. „Wenn nämlich einer eine Idee hat, zieht er gleich die ganze Herde mit“, schmunzelt Fink bei seiner Erklärung.

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Um neun Uhr gibt es Frühstück – und den ganzen Tag über genug Arbeit ums Haus herum: mit den Tieren und für sie. Am Nachmittag – nach der Siesta! – folgt ein weiterer Rundgang. Was macht die Faszination dieser scheinbar so kargen und arbeitsreichen Wochen aus? „Man wird viel aufmerksamer, feinfühliger und hellhöriger da droben, auf über 1.800 Metern Seehöhe.“ Wahrscheinlich auch dankbarer. Für Helmut Fink ist es eine Sehnsucht, die er jedes Jahr wieder vernimmt. Dann legt er sein Werkzeug hin und macht sich auf den Weg auf die Hochalpe. Bodenständiger ist sein Leben das restliche Jahr über. Das Holz für die Riemen- und Dielenböden, die er ver- legt, sucht er sich im Wald selbst aus. Er kauft ganze Bäume und begleitet sie, bis sie in alten und neuen Häusern etwas von dem Gefühl vermitteln, das er auf der Alpe findet: Dass es eine natürliche Ordnung der Dinge gibt. Und dass der Mensch mit der richtigen Einstellung darin seinen Platz und sein Glück finden kann.

Autor: Peter Natter

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