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Glockentöne über dem Tal

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Glockentöne über dem Tal

Eine Amerikanerin gesellt sich zu uns. Es ist ihr „erstes Mal“ in Österreich. „I feel like Heidi“, sagt sie. Falsches Land, falscher Name: Hier heißen sie Tonelestone oder Tubotone.

Die Vorarlberger Braunen erinnern mich an Cartoons von Gary Larson. Die Kühe des amerikanischen Zeichners wirken ziemlich intellektuell. Wie die Vorarlberger Braunen auf der anderen Seite des Zauns, die Wiesengeschöpfe im Bregenzerwald. In ihren braun-beigen Schattierungen, die sich über Fell, Puschelohren und das Kuhgesicht ziehen, wirken sie so als hätten sie gerade ein philosophisches Schwätzchen gehalten, bevor eine rief „Achtung, Wanderer!“. Wanderer, das sind wir. Der letzte Tag unserer Wanderung auf der östlichen Höhenroute hat begonnen. Zwischen Hirschberg und Diedamskopf sind wir auf die Kühe gestoßen. Mit ihren basstiefen Glocken um den Hals bringen sie ein wenig zen-buddhistischen Klostersound in das Tal. In Sibratsgfäll ging es heute los. Die Beine sind wieder ein wenig leichter nach dem Frühstück im „Hirschen“.

Als wir das Dorf hinter uns lassen, wird es allmählich stiller. Wir steigen hügelan. Und dann auf den nächsten Hügel. Im Rücken ein angenehmes Gefühl der Unbeschwertheit. Das ist das Besondere an dieser Tour: Unser Gepäck wartet schon an unserem Ankunftsort am Abend, drüben auf der anderen Seite jener Berge, die wir uns sanft Kilometer für Kilometer erschließen. Am Abend wird der durchblutete, matte Körper wieder in die weißen Laken gleiten. Adieu, Heustadel und kalte Nächte in feuchtem Heu, gönnen wir uns das weiche, warme Bett! Bei diesen Touren wird unbeschwert gewandert und bequem genächtigt.

Unterwegs belebt uns die Natur: Gemütlich geht es durch Auen und an Waldrändern entlang. Eisenkraut, stinkender Storchenschnabel und wilde Minze säumen den Weg. Wer sich am Abend zuvor zu sehr am Enzianschnaps labte, könnte nun etwas vom Storchenschnabel auf die Stirn reiben. Der Kopfschmerz muss freilich groß sein. Denn das wilde Kraut wirkt zwar wunderbar gegen Kopfschmerz, ist als Parfum jedoch untauglich – es stinkt erheblich. Wenige Kilometer weiter wächst in einem Flussbett hinter einer Holzbrücke Huflattich. Auf den Kopf gesetzt, verdecken seine Sombrerogroßen Blätter mürrische Mienen und schützen vor allem vor allzu starkem Sonnenlicht. Aussehen tut man damit wie ein Wesen aus dem Urwald. Der Weg, dem wir nun folgen, ist offenbar beliebt. Die entgegen kommenden Wanderer sorgen für Abwechslung: Paare in rot-kariertem Partnerlook, knackige Barfußlatschenträger, Männer mit rund gewölbten Wohlstandsbäuchen und quietschenden Wanderstöcken, jauchzende Kinder. Im Winter dient der Weg als Loipe. Ob man da dieselben Menschen trifft?

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Wir machen eine Pause in einem Sennlädele. Saurer Radler, Bergkäse und Landjäger zum frischen Brot. Hier treffen wir eine einheimische Expertin, Angelika aus Bezau. Was bewegt sie so sehr an dieser Landschaft, dass sie die immer wieder durchwandert? „Die Steinböcke“, sagt Angelika. „Auf sie trifft man in der Frühe weiter oben. Ihre Kletterkünste, ihre Grazie, die riesigen, geriffelten Hörner – allein das Betrachten der Tiere macht das eigene Herz frei.“ Dann erzählt sie uns, dass selbst Einheimische manchmal unter Höhenangst leiden. So musste ein altes Weiblein einst einen schlotternden Pfarrer dazu bewegen, den Höhengottesdienst abzuhalten. Vor dem schmalen Grat war der Pfarrer nämlich schon kurz vor dem Umkehren gewesen. „Sehen Sie, Herr Pfarrer, so geht’s besser mit der Höh!“, rief die alte Frau und rutschte wie im Sattel eines Pferdes auf dem Hintern über den Grat. Der Pfarrer kam ihr hinterdrein und soll sogar gejauchzt haben. Wie die Kinder am Weg.

Mit einem Seufzer – wir blieben ja gern noch beim Sennlädele sitzen – machen wir uns an den Aufstieg zur letzten Höhe über Schönenbach, zum Stogger Sattel. Die letzte Etappe führt hinunter nach Au. Eine Amerikanerin gesellt sich zu uns. Es ist ihr „erstes Mal“ in Österreich. „I feel like Heidi“, sagt sie freundlich. Falsches Land, falscher Name. Hier heißen sie Tonelestone oder Tubotone. „Wie grüßt man hier das Gegenüber?“, fragt die Dame. In unserer deutschen Gruppe wird einige hunderte Meter Wanderweg lang debattiert: Ist es das klassische „Grüß Gott“ oder doch das locker-wälderische „Servas“? Wir entscheiden uns für „Servas“. Das lässt sich leichter akzentfrei sprechen. „SServass“ schallt die Amerikanerin mit scharfem „S“ über die Flur. Der Herr, der uns bergauf entgegen kommt, lichtet leicht das grüne Hütlein. Er schenkt uns ein „Habe die Ehre“ und ein Lächeln dazu. Auch das ist es, was ich am Bregenzerwald so liebe: Hier triffst du immer wieder das Unerwartete.

Autorin: Anne Siegel

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