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Die Ruhe der Hühner

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Die Ruhe der Hühner

Christa und Hubert Natter haben einen Hühnerhof und über Jahrzehnte hinweg einen großen Privatkundenstock aufgebaut. Dann kommt das Angebot eines Supermarkts – Chance und Risiko zugleich.

In einem kühlen Vorraum steht ein Mann und holt frisch gelegte Eier aus einer Rinne. Wie Kugeln auf einem Abakus liegen sie neben- und übereinander. Der Mann wiegt die Eier ab und sortiert sie der Größe nach in Schachteln. Die schiebt er unter einen Tintenstrahldrucker. Auf jedem Ei erscheinen Zahlen wie 1-AT-4093551. AT steht für Österreich, 1 für Freilandhaltung, in den restlichen Zahlen steckt die Betriebsnummer. Der Mann ist der einzige Mitarbeiter am Christahof. Alles andere machen Christa und Hubert Natter selbst. Jedes Jahr junge Hühner Der Christahof, Mitglied der KäseStrasse Bregenzerwald, liegt inmitten der Ebene von Bezau. Luftig und frei wie die Hühner, denen es hier ein Jahr lang gut geht, bevor im Jänner neue kommen. Dafür wird der Stall ausgeräumt und gereinigt. Es braucht junge Hühner, denn die Legeleistung und die Qualität der Eier müssen stimmen. Hubert Natter geht an seinem Mitarbeiter vorbei und pocht sachte an die Stalltür. Er will seine frisch eingezogenen Hühner nicht erschrecken. Behutsam öffnet er die Tür.

 

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Angenehme Wärme schlägt ihm entgegen. Verhaltenes Gegackere und das Geräusch, wenn Federn und Körper aneinanderreiben und tausende Hühnerfüße über den Boden trippeln. Eine überwältigende Ansammlung von Leben. Der Geruch ist angenehm. Die Federn der Hühner glänzen. Eine Kette befördert Futter durch den Stall. Die Wasserspender bedienen sie selbst. Das vorgefertigte Legefutter aus gentechnikfreiem Getreide mit Vitaminzusätzen liefert die Bruggmühle Egg. Die Eier landen auf dem Band und rollen in den Nebenraum. Der Hühnermist wird mit einem großen Schieber automatisch entfernt. Wie es zum Hühnerhof kam Hubert Natter ist auf dem Hof aufgewachsen. Er hat Zimmermann gelernt und den Milchviehbetrieb seiner Eltern übernommen. 1991 heiratet er Christa, die ebenfalls in einer Landwirtschaft in Bezau groß geworden ist. Sie bekommen zwei Kinder. Bald merkt Hubert, dass er zwei Berufe nebeneinander kaum schafft. Er müsste zusätzlich Böden pachten, um von der Milchviehhaltung im Vollerwerb leben zu können. Eine Alternative muss her. Und die gackert bereits auf der Wiese. Natters sind die Einzigen weit und breit, die mehrere Hühner im Freien halten. Unbekannt, neu und exotisch ist das auch für die Hühner selbst. Die weit verbreitete, weiße Batteriehühnerrasse ist schreckhaft.

 

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Als die Natters ihr Federvieh frei lassen, ist es überfordert, rennt drei Wochen lang verwirrt auf der Wiese herum und weiß mit der Freiheit nichts anzufangen. Auch sind ihnen die Abläufe hier unbekannt. Sie wissen nicht, dass sie auf ein Podest hüpfen müssen, um zu Futter und Wasser zu kommen. Eier legen sie trotzdem. Und die Nachfrage ist groß. Sie übersteigt bald die Produktionskapazität der Natters. So bauen sie einen Stall für 250 Hühner. Vier Jahre später entsteht ein neuer für 1700. Zur gleichen Zeit kaufen sie den Kundenstock eines Käfigbetriebs in Bregenz/Fluh, dessen Besitzer in Pension geht. „Es war nicht leicht, den Kunden zu erklären, dass ein Ei nun das Doppelte kostet, weil die Freilandhaltung kostenaufwendiger ist“, sagt Hubert. Doch dann schätzen diese die Qualität der Eier: Hotels, Gasthäuser, Bäckereien, Geschäfte und Privatkunden. Mit einem Auto liefert das Ehepaar abwechselnd aus. Jeder ist an zwei Tagen die Woche unterwegs. Sie fahren nach Dornbirn, Fußach, Lustenau, Hard, Hohenems und auf die Emser Reute. Schließlich haben sie fünfhundert Privatkunden, die sie alle persönlich kennen. „Die Menschen hatten großes Vertrauen zu uns“, sagt Christa.
„Viele Häuser standen für uns offen. Man legte uns Schlüssel oder erwartete uns. Bei manchen musste ich die Eier in den Keller stellen, bei anderen gleich in den Kühlschrank räumen. Es war eine schöne, aber zeitaufwendige Arbeit.“

 

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Neue Chance mit neuem Risiko
Im November 2013 stehen Natters vor einer schweren Entscheidung. Sie haben das Angebot bekommen, wöchentlich dreitausend Eier in die Spar-Zentrale zu liefern. Jahrzehntelang haben sie Kundenkontakte aufgebaut und nun sollen sie einfach sagen: Wir kommen nicht mehr? Mit dem Angebot gehen sie eine Abhängigkeit ein, vor der sie Angst haben. Sollte Spar plötzlich einen anderen Lieferanten bevorzugen, wäre das eine große wirtschaftliche Herausforderung. Gleichzeitig ist es eine Erleichterung, weil sie mit einer einzigen Fahrt nach Dornbirn eine Menge Eier verkaufen. Außerdem sind viele Stammkunden mit ihnen älter geworden – die Kinder sind ausgezogen und statt wie früher dreißig Eier brauchen sie nur noch zehn. Des Risikos bewusst, nehmen sie das Angebot an. Es ist Sommer geworden. Die Hühner scharren im Freien, haben viel mehr Platz, als sie benützen. Am Waldrand lauert ein Fuchs. Es kann schon, dass sich ein Huhn an einem lauen Sommerabend ins Gras hockt und vergessen wird. Wenn Christa oder Hubert Futter ausstreuen, kommen die Hühner angerannt. „Ruhe ist das Um und Auf“, sagen die beiden, die genau das ausstrahlen. „Das Tier ist nicht so hektisch wie der Mensch. Wir müssen uns anpassen.“

Autorin: Irmgard Kramer

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