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Die Korkkünstlerin

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Atmungsaktiv, antiallergen, vegan, leicht, geschmeidig, robust, reißfest, wasserabweisend, salzwasser- und fleckenbeständig, schalldämmend und gelenkschonend. Mit diesem Material, Korkleder, zieht Clarissa Steurer von Krumbach aus ein internationales Geschäft auf.

Die verkauft doch eh nur an ihre Freundinnen“, sagen Neider. Sie wissen nicht, dass alle zwei Tage der Spediteur in Krumbach bei Clarissa Steurer klingelt, um einen Lieferwagen voller maßgefertigter Teppiche, Tischsets, Wickelauflagen, Glasuntersetzer und Schreibtischunterlagen hunderte Kilometer an Onlinekunden und achtzehn Fachhändler zu liefern – darunter edle Interieur-Boutiquen und Geschäfte für Kinderprodukte.

Clarissa Steurer hatte eine ganz neue Produktidee, nämlich Korkleder zu besticken. Ihr Traum, mit der eigenen Firma die Familie zu ernähren, ist zum Greifen nah. Ursprünglich wollte sie Modedesignerin werden. Sie maturierte in BWL an der Textil-HTL, war als Auslandstechnikerin für die Produktion von Funktionsbekleidung zuständig, schaute als Neunzehnjährige in Bulgarien den Näherinnen über die Schulter, stieg schnell zur Produktmanagerin auf, betreute Kunden wie Intersport und Hervis und bewältigte vom Design bis zur Fertigstellung so gut wie allein den gesamten Herstellungsprozess. Ein Knochenjob.

Danach war sie für eine Schweizer Textilfirma in China und Litauen unterwegs. „Das waren nicht die schönsten Orte, aber ich habe viel gesehen und gelernt.“ Als sie 2017 ihren drei Monate alten Sohn im Kinderwagen durch Krumbach schiebt, sucht sie fieberhaft nach einer Idee, wie sie sich selbstständig machen könnte. An einer Börse für Firmen, die Nachfolger suchen, entdeckt sie zwischen Gürtelherstellern und Kerzengießern eine Oberösterreicherin, die Tischwäsche bestickt. Clarissa fährt hin und fängt Feuer. Leider ist das Angebot schwammig, die Zahlen sind nicht konkret und das Design nicht nach Clarissas Geschmack. Aber sie könnte etwas Ähnliches machen, stellt sie sich vor: selbst designte Wäsche in Litauen und Polen nähen zu lassen, in Vorarlberg einen Lohnsticker zu beauftragen und die Produkte selbst zu vertreiben.

Als sie einen Sticker in seiner Werkstatt besucht, bestickt er gerade Tapeten, was sie sehr beeindruckt. „Reich willst du hoffentlich nicht werden“, sagt er. „Komm wieder, wenn du eine andere Idee hast.“ Desillusioniert geht sie nach Hause, schaltet den Fernseher ein und sieht einen Bericht über Taschen aus veganem Leder, nämlich Korkleder. Sie denkt an die bestickte Tapete, fängt an gründlich zu recherchieren und weiß sofort, dass sie ihr Material gefunden hat. Korkleder ist atmungsaktiv, antiallergen, vegan, leicht, geschmeidig, robust, reißfest, wasserabweisend, salzwasser- und fleckenbeständig, schalldämmend und gelenkschonend. Es speichert Wärme und hat eine hohe Abriebfestigkeit. Eigenschaften, die Clarissa Steurer inspirieren. Daher sucht sie in ganz Portugal nach geeignetem Kork und entwirft dafür ihre eigenen Designs.

Was harmlos beginnt, entwickelt sich zu einem Drama. Plötzlich muss sie sich mit Anwälten gegen Ideendiebstahl, unverlässliche Lieferanten, fadenscheinige Produzenten und schlechte Berater wehren. Als junge Geschäftsfrau nimmt sie, abgesehen von ihrem Mann, kaum einer ernst. Trotz all der Rückschläge will Clarissa nicht aufgeben. Sie beschließt, selbst zu produzieren, nimmt einen Kredit auf, räumt den Keller aus, lässt sich eine Maschine bauen und bezahlt zwei Näherinnen. Ihr Mann Edwin wird über Nacht zum „Textiler“, schneidet Teppiche maßgenau zu, verklebt die verschiedenen Schichten und versucht sich an der Nähmaschine.

In der stressigsten Zeit kommt das zweite Kind zur Welt. Mit dem Laptop auf den Knien und dem Baby im Arm organisiert sie ihren Internetauftritt und nimmt Bestellungen entgegen, während im Keller die Maschine rattert. Viele Unternehmer und Unternehmerinnen haben in einem Keller oder in einer Garage begonnen. Gemeinsam mit ihrem Mann will sie es schaffen, sich gegen abgekupferte, schleißig produzierte Billigware zu behaupten. Durch die Verschmelzung von Natur, Design, Farbe und Textur macht sie aus jedem Stück ein Unikat. So zielstrebig, wie Clarissa ihrer Vision folgt, kann man sich gut vorstellen, dass auf der Wiese nebenan bald eine Textilfabrik namens clarissakork steht.

Ausgabe: Reisemagazin Bregenzerwald – Winter 2020-21
Autorin: Irmgard Kramer

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