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Die Freude der Brüder Felder

Die Freude der Brüder Felder

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Die Freude der Brüder Felder

Der Architekturpublizist Robert Fabach beschreibt ein besonderes Merkmal der Bregenzerwälder Architektur, nämlich außergewöhnliche Betriebsgebäude in der Region. In dieser Ausgabe geht es um die Werkstatt und das Büro der Gebrüder Felder in Andelsbuch.

Konrad und Jodok Felder sind offene Geister. Freidenker und Haudegen, die aber doch im Handwerk und in der Region wurzeln. Vor allem Schwimmbäder aus Edelstahl begründen ihren internationalen Ruf, der auf ihrer Experimentierfreude und Erfahrung basiert. All dies zeigt sich auch in der Vielgestaltigkeit ihres Betriebsgebäudes, das Beispiele gekonnter Fassadenlösungen zieren.

Bevor der Bregenzerwald „Landschaft“ war, bevor er touristisch wahrgenommen wurde, war er vor allem karger Besitz und Nutzgebiet. Die meisten Einwohner mussten notwendigerweise vieles selbst zustande bringen: vom Nähen der Kleidung bis zur Instandhaltung des eigenen Hauses. Viele waren gewohnt, ihr Geld außerhalb des Landes zu verdienen. Beispielsweise war das Bauhandwerk – Stichwort Vorarlberger Barockbaumeister – im 17. und 18. Jahrhundert vor allem durch saisonal wandernde Zünfte wichtigster Erwerbszweig. Ab 1763 hielt dann die Lohnstickerei für Schweizer Verleger Einzug, die von vielen Frauen neben der Landwirtschaft betrieben wurde. Daran sei erinnert, wer sich über die international aktiven Handwerksbetriebe wundert, die zwischen Wohnhäusern und landwirtschaftlichen Wiesen des Bregenzerwaldes verstreut sind. So auch die Werkstatt und das Büro der Gebrüder Felder in Andelsbuch.

Die Werkshalle in einer traditionellen Landschaft

Die Brüder Konrad und Jodok übernahmen 2003 den Betrieb von ihrem Vater Anton Felder, der 1979 mit dem Metallhandwerk begonnen und den Grundstein für das Unternehmen und die Leidenschaft der beiden gelegt hatte. 1984 errichtete er beim Anstieg zur Niedere einen zweigeschossigen Stadel aus Holz, rund sechs Meter breit und zehn Meter lang. Konrad und Jodok erweiterten ihn 2005 mit zwölf mal 24 Metern auf das rund Fünffache und ergänzten ihn um einen Anbau aus Holz für Büroflächen. 2016 wurde der Anbau vollständig durch einen dreigeschossigen Zubau aus Stahlbeton ersetzt und mit einer Kombination verschiedener Fassadenlösungen verkleidet. Unten sind Zeichenbüro und Sekretariat situiert, darüber die Chefb üros, Projektentwicklung und Besprechungsraum. Das Wachstum des Betriebs zwang immer wieder zu Anpassungen im Inneren. Erleichtert wurden diese durch umlaufende Kabelkanäle und eine einfach demontierbare Zwischendecke aus Metallkassetten. All das entstammte nicht der Planung eines Architekten. Die beiden Brüder wussten, was sie wollten. Jodok, der vor seiner Meisterprüfung eine HTL für Maschinenbau absolviert hatte, fasste die Entwürfe beider Umbauten so weit in Pläne, dass sie zur Ausarbeitung und Umsetzung an die Techniker eines Bregenzerwälder Planungsbüros übergeben werden konnten. Der örtliche Gestaltungsbeirat – namentlich die Architekten Bernardo Bader und Klaus Metzler – riet dazu, die Ecke des Büroturms abzurunden – eine handwerkliche Herausforderung, denn dazu mussten die vorgesehenen Kupferlamellen gebogen werden. 

Ähnliches hatten die Felder-Brüder 2013 bei der Ausführung einer gerundeten Fassade an der der Sulzberger Raiffeisenbank nach einem Entwurf von Gerhard Gruber und Reinhold Locher gemeistert. Freilich nicht, ohne den Radius auf anspruchsvolle 1,5 Meter verringert zu haben. Improvisiert wurde auch beim Vordach der Halle von 2005, das gekürzt und mit Zugstäben abgefangen wurde, ehe es an den elegant schlanken Fenstertüren des neuen Stiegenhauses endet, die wiederum eine Fassadenlösung zeigt, an der sie für ein Wohnbauprojekt von Baumschlager Eberle mitgewirkt hatten. Vor die zeitgenössisch geschindelte Montagehalle mit flachem Dach stellt sich selbstbewusst der dreigeschossige Büroturm, eine Collage aus kupfernen Lamellen und mattem Edelstahl, aus schwarzen, geölten Stahlplatten und zeitgenössischen Glasbändern. Er kündet mehr von der Vielfalt handwerklicher Fertigkeiten als von gestalterischer Strenge. Davor laden Lastwagen ab, eilen Handwerker mit Kommissionszetteln vorüber, dringt das Stakkato von Hämmern und der schrille Gesang von Schneidwerkzeugen aus der zweigeschossigen Halle. Stahl und Edelstahl sind auf zwei Ebenen getrennt, um Kontaktkorrosion der unterschiedlich edlen Metalle zu vermeiden. Die Halle sitzt so im geneigten Gelände, dass die obere Ebene für den Stahlbau von der Straße und die untere von der Rückseite mit dem LKW erschlossen werden kann.

Internationaler Ruf, Experimentierfreude und Erfahrung

Der Bau von individuellen Edelstahllösungen und ausgefallenen Schwimmbädern für Hotels und Villenbauten macht mittlerweile zwei Drittel des Auftragsvolumens aus, das jährlich um rund zwanzig Prozent wächst. Man konzentriert sich dabei auf ein Einzugsgebiet vom Zürichsee bis zum Arlberg, damit für die oft exklusiven Sonderlösungen Zeit bleibt, die von Konrad und Jodok mit großer Hingabe entwickelt werden. Man plant, experimentiert, tüftelt mit den Mitarbeiterteams im Haus an Prototypen und realisiert auch im großen Maßstab. So hat sich der Ruf der Felder-Brüder vom Geheimtipp zum führenden Anbieter im Land gefestigt. Ihre Arbeiten sprechen für sich. Hoteliers und Auftraggeber aus dem Tourismus suchen gern den Luxus des Spektakulären – etwa ein Pool, dessen Boden sich in verschiedene Höhen hebt, um zum Kinderbecken oder zur Party-Terrasse zu werden. Auch für die Vorarlberger Architektenschaft sind die Felder-Brüder die erste Adresse im Land, wenn es darum geht, raffinierte Funktionalität in radikale Schlichtheit zu verpacken. Für ein Gebäude mit Felders fein variierten und von Streckmetall inspirierten Fassadenlösungen gewann der Architekt Oskar Leo Kaufmann 2013 die Auszeichnung „Haus des Jahres“. Für seinen Kollegen Hermann Kaufmann montierten sie am Gipfelrestaurant der Nebelhornbahn eine gerundete Fassade mit unterschiedlich gefalteten, voroxidierten Kupferelementen zu einem eindrucksvollen Blickfang. Die Felder-Brüder agieren in unterschiedlichen Gestaltungswelten mit einer ihnen eigenen Lässigkeit und ohne Berührungsängste zu formalen Experimenten. Sie tüfteln an versenkbaren Fenstern für das Bodenseeschiff „Oesterreich“, verleihen Stahlplatten eine besondere Ästhetik in Salzbadnitrat, das eigentlich zur Härtung von Transmissionswellen im Seilbahnbau verwendet wird, oder verbeißen sich in die technische Umsetzung eines nachtschwarzen Edelstahlpools. Und lachen verschmitzt, wenn sie davon erzählen.

Werkraum Bregenzerwald und Nachwuchspflege

Die Freude an der Herausforderung ist auch in ihren Beiträgen zum triennalen Bregenzerwälder Wettbewerb „Handwerk + Form“ spürbar, dessen ästhetischen Perfektionismus sie gerne konterkarieren. So entstand etwa 2015 eine fünf Meter lange, frei tanzende Wippe aus nur drei gebogenen Stahlrohren. Heuer reichten sie ein Kinderschaukelpferd aus einem durchgehenden Stahlrohr ein – verblüffend radikal und zugleich eine provokante Neuinterpretation eines alten Holztypus. Selten teilt die Jury des Wettbewerbs ihren Humor, doch das kratzt sie nicht. Sie wissen um die mediale Wirksamkeit dieses Großereignisses mit seinem internationalen Publikum und um die Bedeutung der Handwerkerinitiative „Werkraum Bregenzerwald“, die sie nach Kräften unterstützen. Die beiden Unternehmer betonen auch die Bedeutung der Lehrlingsausbildung für ihr Team. Pro Jahr beginnen durchschnittlich zwei Lehrlinge, um die man sich mittlerweile ernsthaft bemühen muss. Früher kamen die jungen Menschen von selbst. Seit drei Jahren machen die Felder-Brüder aktiv Werbung auf Lehrlingsmessen, bei Infotagen an Schulen und mit einem „Tag der offenen Tür“. Die Konkurrenz durch die großen Industrieunternehmen im Rheintal sowie die gegenwärtige Bedeutung der akademischen Bildung sind große Herausforderungen für den Bestand des qualifizierten Handwerks. Handwerkliche Intelligenz ist notwendig, bildet sie doch die Basis für die internationalen Spitzenleistungen des Vorarlberger Handwerks. Am Ende meines Besuchs bei den Brüdern Felder bleibe ich noch einmal inmitten der Werkstatt stehen, schließe die Augen, atme tief durch. Maschinen dröhnen, Schmieröl, der Klang von Metall auf Metall, der Geruch von Stahl und Eisenspänen. Diese Atmosphäre, dieser Zauber ist so unverkennbar und ist jeder Metallwerkstatt eigen. Vielleicht auch eine Kindheitserinnerung an meinen eigenen Vater, der Schlosser war. Ich verstehe die Freude der Brüder Felder gut.

Autor: Robert Fabach
Ausgabe: Reisemagazin Sommer 2019

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