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Die Aufsuchung der Teufel

Die Aufsuchung der Teufel

Im folgenden Kapitel des Romans „Der Übergänger“ trifft der Autor endlich den Pianisten Brendel – ausgerechnet im Bregenzerwald.

Der Bregenzerwald zerfällt in den Vorder-, Mittel- und Hinterwald. Schwarzenberg gehört bereits zum Mittelwald. Hat man die massive Talsperre der Kanisfluh passiert, des beherrschenden Bergblocks, öffnet sich das Tal ein wenig, die Straße zieht sich über den Talboden hin, führt dann durch eine enge Achklamm, wo sie der Lawinen wegen überbaut ist, mündet nach einigen Kurven in einen kleineren Talboden und immer so fort. Friedliche Siedlungen stattlicher Bauernhäuser, dazwischen zeitgemäße Holzbauarchitektur, in jedem Dorf ein zeitgenössisches Gemeindebauwerk, zu so etwas darf man Kultur sagen. Brendel kennt nur den vorderen, milden Teil des Waldes. Von Bregenzerwälder Verhältnissen scheint er nicht viel zu wissen. Ich erzähle von der so genannten, ab dem Spätmittelalter bezeugten Bauernrepublik, die natürlich keine war, aber doch herrschaftsfreie Züge trug, und von der Bezegg, jenem auf Holzpfeilern errichteten Haus mitten im Wald, in das man den Landammann, die Räte und die Abgeordneten hinaufsteigen ließ, wobei man ihnen die Leitern erst wieder hinstellte, wenn sie sich geeinigt hatten.

Ein Holzmodell des Rathauses auf der Bezegg hat ein Künstler erst vor Kurzem in der der Gemeinde Andelsbuch gefunden. Gleich hat er’s in seine Ausstellung im löblich modernen Holzgemeindezentrum mit einbezogen. Die Bezegg-Verfahrensweise gefiel Brendel. Sie sollte, meinte er, zum Beispiel bei Friedensverhandlungen im Nahen Osten wieder zum Einsatz kommen. Die Fahrt bis Schoppernau wiegt einen in falscher Sicherheit: Einigermaßen eben, ohne scharfe Kurven, geht es dahin. In Au müssen wir rechts die Straße nach Damüls hinauf. Ab hier ist sie im Winter mitunter gesperrt, man kann nur mit Schneeketten weiter. Obwohl ich langsam fahre, merke ich, es geht dem Passagier zu schnell. Ich mäßige mich und weise auf die schönen Bauernhäuser hin, prächtige, geschindelte Einhöfe mit Schopf, wie der angebaute Schuppen hier heißt, halber Fremdenführer, der ich nun schon bin. Versuche die Alpwirtschaft zu erklären. Anscheinend bin ich immer noch zu schnell, denn die Lieblichkeit der Gegend ist an ihm verloren, er sieht nicht Matten und Wiesen, er sieht nur Abgründe und Schlünde. Ich traue mich nicht, ihm das Patentrezept zu empfehlen, nur auf die Innenseite der Kurve zu sehen, tue es dann aber doch. Als Kind habe ich auf solchen Straßen prinzipiell gekotzt. Kotzen war mein Bergstraßenbegrüßungsritual, mit hellem Strahl schrieb ich mich in die Welt der Alpen ein. Ich brauchte es meinem Vater nur mit einer Handbewegung zu signalisieren, er wusste Bescheid und hielt an.

Der höhengeeichte Alemanne fährt sein Leben lang knapp an Abgründen vorbei und denkt sich dabei wenig. Man spricht jedoch viel über das Bergfahren in diesem Volksstamm. Von Generation zu Generation gibt man das Verhalten auf Schnee und Eis weiter. Hundert Mal bin ich in dieses Tal hineingefahren, winters wie sommers, mit Ketten und ohne, als Jungtrottel mit Vollgas und als einigermaßen bedächtiger Erwachsener, aber nie fuhr ich so vorsichtig wie diesmal. Ich weiß, in welchen Kurven zwei Autos bequem aneinander vorbeikommen und in welchen man auf der Ausweiche warten muss. Ich weiß, dass Brendel das nicht weiß, und verlangsame das Tempo weiter, krieche den Berg hinauf, dabei die Vorzüge des lokalen Bergkäses schildernd. Den kennt er, den nimmt er aus der Schwarzenberger Käsehandlung immer mit. Ob er auch wisse, dass die fettesten Käsehändler so reich waren, dass sie eine Loge in der Mailänder Scala hatten? Das versetzt ihn doch in Erstaunen und ich erkläre, damit die Zeit vergeht, den Unterschied zwischen Fettkäserei und Magerkäserei. Hier ist reiches Gelände, hier wurde fett gekäst.

Mir scheint, ich bin einen Hauch zu lebenstüchtig unterwegs, so lebenstüchtig bin ich gar nicht; oft verfalle ich dem Irrtum, andere hätten Interesse an den Lebensumständen der Menschen in den Landschaften, die sie durchfahren.

Ob er Franz Michael Felder gelesen habe, frage ich Brendel, der sei in Schoppernau zu Hause gewesen. Felder, sagt Brendel etwas matt, das ganze Hotelzimmer ist voller Felder! Ich habe nie hineingeschaut. Was von dem zu halten sei? Nicht alles ist gut, aber die Autobiografie ist vorzüglich. Merkwürdig rührender Fall eines Autodidakten, Peter Handke hat sie neu herausgegeben. Aha. So leid es mir tut, wir müssen Höhenmeter machen. Damüls ist ein Walserdorf, wurde nicht vom Bregenzerwald aus, sondern von der anderen Seite her besiedelt, vom Laternsertal und vom Rheintal. Warum denn die Walser aus dem Wallis ausgewandert seien, will Brendel wissen. Ich weiß es nicht, ohne Google im Auto ist man verloren, später schaue ich nach. Inzwischen äußere ich vage historische Vermutungen. Vermutlich Hungersnöte, Bevölkerungswachstum, Zwist mit Feudalherren. Nicht einmal ganz falsch, was ich sage. Die Geschichte, als ich mit einem Käsemeister in steilstem Gelände auf Recherche unterwegs war, erzähle ich lieber nicht – als der mich bat, auszusteigen, weil er an abschüssiger Stelle eine Kehre nicht auf einmal bewältigen konnte, sondern mit dem Heck über dem Abgrund reversieren musste. Das Leben in den Bergen ist gefahrvoll. Man kann hinübersehen auf die Alpe auf der Üntschen. Das erwähnen wir nicht, aber den Käser schildern wir, der dort aus dem siedenden Kessel das siebzig Kilo schwere Netz mit dem Käse allein heraushebt, nachdem er zuvor dessen Enden mit den Zähnen zusammengehalten hat.

Das erinnert Brendel an eines seiner Gedichte. Käse!, sagt er mit würzigem Ingrimm. Peinlicherweise habe ich es nicht präsent und kann nichts weiter dazu sagen. Weil’s nicht im Sammelband steht, sondern im „Fingerzeig“. „In einer Zeit/die den Menschen das Recht absprechen möchte/ sich öffentlich zum Käse zu bekennen/ verdienen die Bemühungen des Käsesyndikats/Aufmerksamkeit und Unterstützung.“ Und überhaupt: „Mittlerweile hat der Vorschlag/ das Käsesyndikat in eine Käsekirche umzugestalten/an Boden gewonnen …“ Auch wir haben Boden gewonnen und sind endlich da, nach einer letzten Kurve leuchtet uns die barocke, rote Zwiebel des Damülser Kirchturms entgegen. Ein kleines Kirchlein, prekär und doch geschützt auf einem Rücken gelegen, das einzige nennenswerte gotische Bauwerk in Vorarlberg, barock überformt, versteht sich. Das Dorf schmiegt sich an den Fuß des kleinen Rückens. Das schneereichste Dorf der Welt, damit wirbt der Ort für den Wintertourismus, aber jetzt ist Sommer, die Alpenblumen blühen, die Luft ist schärfer, reiner, rauer als unten im Tal. Auf den Berggipfeln, wenige Hundert Meter oberhalb von uns, halten sich letzte Flecken von Schnee.

Wir gehen die paar Meter zur Kirche steil bergauf, über eine schmale Stiege und einen Kiesweg. Kein Tourist weit und breit, nur zwei, drei Walserinnen bemühen sich um die Gräber auf dem kleinen Friedhof. Ich, ganz Cicerone, habe den Dehio mit, Brendel nimmt ihn dankbar. Ein geschnitzter, barocker Pestchristus bietet einen kuriosen ersten Höhepunkt. Ans Kreuz geschlagen und mit Pestbeulen übersät – ein bisschen viel auf einmal, aber dem barocken Gemüt konnte es nicht drastisch genug sein. Brendel hat ein Faible für Absurdes.

Eine der Frauen kommt und macht mehr Licht. Jetzt können wir die berühmten, geschmackvoll restaurierten Fresken betrachten. Die Anbetung der Könige, deren einer sehr grazil, auf geradezu weiblichen Beinen posiert, gefällt ihm, auch und gerade – ich höre recht – als Komposition. Die Biblia pauperum, die Armenbibel, erzählt in rechteckigen Feldern ihre Geschichte, rötelfarben, zwanzig Felder auf jeder Seite des Kirchenschiffs. Brendels Laune hebt sich; je länger er die Bilder betrachtet, umso mehr. Es sind gute Darstellungen aus dem Leben Christi. Augenmensch also auch noch. Feine Details sind zu registrieren, ich schenke ihm meinen Kirchenführer.

Nicht schlecht auch ein Heiliger Sebastian, Sadomaso-Porno in barockem Schnitzwerk. Die Gnadenmutter betrachten wir aus der Ferne, der Chor, naja, wir wenden uns zum Gehen, da zieht uns Vera in einen Nebenraum. Sie hat es entdeckt. In der Leichenkammer hängt ein monumentales Ölbild, das Jüngste Gericht darstellend. Das hat noch gefehlt. Jetzt ist Brendel in prächtiger Laune. Ein Spritzer Höllenöl ins Feuer und der Pianist strahlt. Verglichen mit dem Gesichtsausdruck, den er jetzt zeigt, war er beim Mittagessen geradezu leidend. Man weiß von seiner Zuneigung für Teufel. Das hier ist ein Gemälde, wie für ihn gemalt. Der Horizont brennt, am Himmel reiten apokalyptische geflügelte Wesen, Sünder in den Fängen, ein paar hilflose Engel mit Flammenschwertern versuchen am linken Bildrand nach dem Rechten zu sehen, aber rechts tut sich der Riesenschlund auf, wie der eines Wals, ein Monster mit gelben, aufgerissenen Augen, roter Riesenzunge, zwei Zahnreihen mit allen Schikanen, in die hinein Hilfsteufel die Kolonnen der leicht geschürzten Sünder treiben. Die Lust an den Details! Da schiebt ein Teufel einen Delinquenten in einem brennenden Schubkarren auf den aufgerissenen Höllenschlund zu, links öffnet sich ein Fenster in den Untergrund mit dem Endzustand der Verdammten, der Dauerröstung. Ein kleines Orchester spielt dazu auf.

Ha, ruft Brendel, da hat man noch etwas, auf das man sich freuen kann! Sein Nachmittag ist gerettet, somit auch unserer. In der oberen Hälfte des Gemäldes befinden sich Fegefeuer und Himmel, die Frommen in braver Reihe, aber die sind nicht so wichtig. Vera fotografiert. Draußen vor der Kirche sehen wir jetzt auch fantastische Alpenblumen, die Aussicht vergnügt Brendel, er lacht über sein lindgrün- pepitagemustertes Sakko, seine Erscheinung krönt er mit einem himmelblauen Topfkäppchen mit weißem Saturnring – ein älterer Tennistrainer oder Nabokov beim Schmetterlingsfang könnte so etwas tragen –, ihm völlig egal, er posiert fröhlich vor der Kirche, ist jetzt höllisch guter Laune.

Bei der Rückfahrt betrachtet er die Bregenzerach. Ob er angle, frage ich. Nein, erst in England habe er gelernt, Fisch zu essen. Vor einem Tunnel fällt ihm ein, aus dessen Fassade könnte man das Maul eines Ungeheuers machen.

Autor: Armin Thurnher
Ausgabe: Reisemagazin Sommer 2010

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