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Der Bürgermeister am Traktor

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Der Bürgermeister am Traktor

Diesmal brachte ein Maturajubiläum Armin Thurnher nach Krumbach, wo er mit seinen Mitschülern das Staunen lernte.

Heuer feierten wir fünfzigjähriges Maturajubiläum. Aus allen Himmelsrichtungen kamen wir in Bregenz zusammen, ein gutes Dutzend würdiger, um die 68 Jahre alter Herren, aus deren Gesichtern und hinter deren Silhouetten die Knaben von einst hervorschauten, als hätten sie sich hinter Bäumen versteckt. Mühelos erkannten wir einander dennoch. Einen ganzen Tag wollten wir miteinander verbringen. „Ohne Wibr“, das brauchte, anders als in früheren Jahren, gar nicht erst angesagt zu werden. Was diese Veranstaltung, durchgeführt von den Freunden des Greisenalters, in einer jungen, ambitionierten Wälderillustrierten zu suchen hat, werden Sie gleich sehen.

Ich halte Sie nicht lange mit dem Pflichtprogramm auf, dem Besuch des ehemaligen Gymnasiums, das sich inzwischen zellgeteilt hat. Wir besuchten also zwei Gymnasien und stellten fest, an der Ausstattung der Schulen und an der Klugheit der Direktoren kann es nicht liegen, dass wir ein Bildungsproblem haben. Das beruhigte uns sehr. So sangen wir entspannt auf dem Dach unseres Gymnasiums das schöne Lied „Gaudeamus igitur“, was uns umso besser gelang, als sich unter uns ein Kammersänger befand, ein äußerst kräftiger Bass, der sonst die großen Bühnen von Staatsoper und Met füllte.

Wir gingen mittagessen. Das Los, die Festrede zu halten, war auf mich gefallen („Mann des Wortes“), und so zögerte ich nicht, ein längeres, in meiner bevorzugten Versform – nämlich schlampigen Hexametern – abgefasstes Gedicht vorzutragen, das uns an gemeinsame Mühen mit Ovid und Homer erinnerte, aber auch an das alte, dahingegangene Städtchen. „Kirchstraßenab die Bäcker, Buchhändler, Zeitung – sie wichen, das / Fass eine Pizzeria! Und nimmer die Kapuziner / murmeln im Beichtstuhl wohlfeile Bußen in silberne Bärte …“ So sang ich, aber hurtig setzte ich hinzu: „Früher war alles besser, nicht dieses Lied lasst mich singen …“, obwohl wir uns gern im Heidelberger Fass getroffen hätten, unserem einstigen Stammlokal, aber dieses war wie gesagt zur Pizzeria mutiert.

Nach dem Essen begann das eigentliche Kulturprogramm. Es hieß Krumbach. „Bushaltestellen?“, fragten ungläubig die Uneingeweihten. „Nicht schon wieder Bushaltestellen!“, riefen die gelangweilten Auskenner. Was dann kam, überraschte alle. Der Neffe eines unserer Mitschüler war einer jener Architekten, die jene internationalen Architekturstars betreut hatten, welche die mittlerweile international berühmten Haltestellen planten. Er führte uns von einer Haltestelle zur anderen, und das Großartige und die kleinen Schwächen der Konzepte wurden uns plastisch wie nie zuvor. Vor allem beruhigte er uns, was die Funktion der Bushüsle für die Bevölkerung betraf. Die Busse seien pünktlich, jeder wisse, wie lange er zur Haltestelle brauche, und auch bei schwerem Wetter betrachte man die Haltestellen nicht als Wetterschutz, sondern als skulpturalen Punkt, der zeigt, wo der Bus hält. Einen Regenschirm brauche man sowieso, weil man den Weg vom Haus zur Haltestelle nicht ungeschützt antrete.

Ehe der wohlinformierte Architekt uns solches erzählte, waren wir noch Gäste des Bürgermeisters von Krumbach. Er hatte seine Arbeit als Bauer unterbrochen und erklärte uns seine Arbeit als Bürgermeister, in der die Bushaltestellen nur eine Art ästhetisches Wegzeichen darstellen. Krumbach, eine vor Jahren problemgeplagte und von Abwanderung in die Zentren des Rheintals betroffene Gemeinde, traf unter seiner Führung eine Reihe kluger Maßnahmen. Wir erfuhren, dass einer unserer Mitschüler der Gemeinde ein paar ererbte Grundstücke im Zentrum Krumbachs verkauft hatte, wo die Gemeinde nun attraktive Häuser mit Mehrfachnutzung (Geschäft, Arzt, Zentrum, Wohnen) schuf. Im architektonisch piekfeinen Pfarrgemeindezentrum samt Bibliothek erläuterte uns der Bürgermeister, wie man hier aufs Detail achtet. Die Gemeinschaftsküche war absichtlich klein gehalten, um nicht die Menschen aus den Wirtshäusern hierherzulocken. So gelang es der kleinen Gemeinde, sieben Wirtshäuser zu haben, die alle blühen und gedeihen, zwei davon weit über dem Durchschnitt kochend. Von der ökologischen Energieplanung bis zur Architektur – alles Gemeindeleben war hier klug durchdacht.

Danach sahen wir die Bushaltestellen mit anderen Augen. Sie waren keine aufgesetzten Werbemarken, sondern sichtbarer Ausdruck der modernen Gesamtgestaltung einer Kommune. Der Erfolg gibt den Krumbachern recht. Mittlerweile ist die Abwanderung gestoppt, die Einwohnerzahl überstieg erstmals seit Jahrzehnten wieder die Tausendermarke. Wir waren beeindruckt und gratulierten unserem Kommilitonen, der darauf verzichtet hatte, auf den Wertzuwachs seiner Immobilien zu spekulieren und durch ihren Verkauf mitgeholfen hatte, dieses Wunder herbeizuführen. Als wir von der Führung wieder ins Ortszentrum strebten, passierten wir den Bürgermeister. Er saß auf seinem Traktor und machte Heu. Er winkte. Ein Dutzend alter Knacker winkte zurück und hatte wieder was gelernt.

Autor: Armin Thurnher
Ausgabe: Reisemagazin Sommer 2018

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