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Der alte Mann und die Kuh

Der alte Mann und die Kuh

Man sollte mehr von dem gelten lassen, was vor uns einen Wert hatte, meint der gelernte Zimmerer und Architekt Leopold Kaufmann.

Seit zwei Tagen treibt ein atlantisches Tief den ersehnten Schnee her. Das Weiß bedeckt allen Unrat und vergrößert die großen Holzflächen der Häuser im Dorf. Die Flocken schlucken allen Lärm. Jeder, ob Lehrer, Wirt oder Kindergärtnerin, grüßt Leopold Kaufmann auf dem Weg durchs Dorf mit Namen. Man kennt dieses Gesicht mit dem kräftigen Kinn, Haar und Bart ergraut, von unscheinbarer Gestalt, ruhelos, wach wie die graugrünen Augen. Gern ist er hier und gebaut hat er hier auch. Er hat seinen Teil beigetragen zur Blüte der Bregenzerwälder Architektur. Die, meint er, hätte auch woanders stattfinden können. Sie können hier mit Holz umgehen, das schon. Aber sonst hätten sie viel Theater gemacht. Heißt das, die Architekten hier hätten dick aufgetragen? Zunehmend schon, sagt Kaufmann. Ständig sei von neuen Entwicklungen die Rede. Doch als Zimmerer, als einer, der Bauen von Grund auf verstehe, sehe er nichts, was die Alten nicht schon gekonnt hätten. Und das sogar oft besser. Man sollte mehr von dem gelten lassen, was vor uns einen Wert hatte. Etwa beim Mond: Beweisen könne niemand, dass die Verarbeitung nach dem Mondkalender etwas nütze, aber er wisse aus Erfahrung um die Wirkung.

Der Rückzug vom Architektenzirkus bekommt ihm gut. Weniger Probleme habe er heute; den ewigen Vergleich, wer der Beste ist, sei er los. Stattdessen widme er sich einigen wenigen Aufgaben hier. Großspurigkeit habe er schon immer gemieden und Wettbewerbserfolge in der Ferne lieber seinen Mitarbeitern überlassen. Das Bauen habe ihn in Anspruch genommen, mitunter total. Nun, da er Zeit habe, sich umzuschauen, entdecke er – die Kuh. „Wie die mich einfältig anschaut und mich einfältig macht, weil ich nicht weiß, was dahintersteckt!“ Als gäbe es keine Zeit, steht sie da, mit offenen Augen, aufmerksam. Schauend erwidert er ihr Schauen und fragt, was sie fühlt, was sie denkt. Wenn eine Beziehung hergestellt ist, lasse sie ihn gar nicht mehr los. Die Freude zeige sich auch an der Kuh. Welche Masse! Und doch so feingliedrig, wie logisch gebaut. Feines Fell, helle Nüstern, tiefe Augen. Ein Kunstwerk – und wenn man sie kitzelt, kommt sie näher oder wendet sich ab. Ist diese Betrachtung einer Kuh auch seinen Bauten anzusehen? Da steht eine Dorfhalle: wuchtig in ihrer Gesamtfigur und doch fein gegliedert in einem Rhythmus von Sparrenköpfen, Deckleisten, wohl proportionierten Fenstern – und kontrastiert durch das Firsttragwerk. Es gibt die Richtung vor, von ihm geht das feine Gerippe des offenen Daches ab, ihm folgt das Raumgefüge. Groß in der Form, fein im Detail – ein Glück, wenn das gelingt.

Da zeigt sich der alte Zimmermann. Er war ja nie mit bloßer Pflichterfüllung zufrieden. Versah die Holzverkleidungen zusätzlich mit Verzierungen, duldete keinen schiefen Nagel. Dem Auftrag verpflichtet, aber liebenswürdig. Überlegt, ausgefuchst und raffiniert reizte er die Möglichkeiten von Statik und Ausführung durch neue Ideen aus. Und wieder ist er bei der Kuh: „Was steckt dahinter, dass sie mich so anschaut? Ich kann ihr stundenlang zusehen, gerade beim Wiederkäuen. Viele Dinge haben immer großartig funktioniert und werden weiter funktionieren, wenn wir sie lassen. Die Kuh ist das Tier, das mich heute am meisten fasziniert. Am schönsten ist die Braune – wie sie breitbeinig dasteht, bei Regen oben nass und unten trocken, und wohl ist ihr dabei. Ich schaue sie an und nichts wird mir klar und ich habe eine Freude.“

Autor: Florian Aicher
Ausgabe: Reisemagazin Winter 2010/11

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