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Das Wagnis der Behaglichkeit

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Das Wagnis der Behaglichkeit

Das Bregenzerwälder Handwerk ist international geachtet. Johannes Mohr, anerkannter Großmeister, über die erfolgreiche Entwicklung und die neue Lust an gediegenem Wohnen.

Die Schleife eines munteren Bergbachs. Hier liegt das Haus, in dem Johannes Mohr mit seiner Familie wohnt und wirkt. Man lasse sich von dieser Weltabgeschiedenheit nicht täuschen: Wer hier den Möbeln das letzte Finish verpasst, der Härte eines Holzgerüstes mit Polstern Geschmeidigkeit verleiht, zieht nicht nur im wörtlichen Sinn die Strippen. Und mit seinem kräftigen Dialekt weiß er sich auch auf den Messen von Mailand, Köln, Wien oder wo immer Gehör zu verschaffen.

„Supergut!“ Seine Antwort auf die Frage, wie er sich als Handwerker im Bregenzerwald fühlt. Hier bin ich akzeptiert, habe viel Arbeit, kann tun, was ich will, bin nicht abhängig. „Ich fühle mich gut! Natürlich war’s nicht immer so, aber nach einem Vierteljahrhundert bin ich da angelangt. Ändern tut sich’s immer, aber die Kundschaft ist heute breiter, auch international, und im Ländle anspruchsvoller. Wir haben uns ein Renommee erarbeitet. Seit zwanzig Jahren setzen wir uns intensiv mit unseren Erzeugnissen auseinander, haben am Image gearbeitet. Doch international wahrgenommen werden, das allein reicht noch nicht. Jeder dritte Kunde kommt heute über die Grenze und viele klagen: Wir wissen nicht, was für Sachen wir kriegen, wo sie herkommen, wer sie gemacht und wer zuletzt das Label draufgeklebt hat. Hier bei mir sehen sie’s. Die Kunden wollen es wissen, und sie wissen, was sie wollen. Sie haben sich mit dem Handwerk beschäftigt, kommen mit Wünschen und fordern.

Wir sind bestrebt, jeden Tag ein bisschen besser zu werden. So bildet sich unser Kundenstock. Das Niveau unserer neuen Möbel wächst mit uns. Die Arbeit ist manchmal hart und kann unsere sieben Mitarbeiter bei Terminarbeit bis zum Umfallen fordern. Doch das entspannt sich auch wieder, und wenn’s flau ist, helfen uns Kleinserien, auf Vorrat geschaffen, über die Zeit. Was mir auch immer wichtig war: alte Stücke restaurieren. Weil’s anstrengt, machen’s nur wenige: Schnüren, Fassonieren und sperriges Material. Aber mir ist es Leidenschaft, das fordert den ganzen Mann, schafft eine Bindung ans Tun, die Lernen weit übersteigt. Das sollte Handwerk pflegen. Kann es sich nicht gerade von da aus besonders für Neues öffnen, Möglichkeiten ausloten und Innovation entfalten? Handwerk ist immer beides!

Neu, das heißt für uns auch: eigen. Wir haben immer eigene Entwürfe gemacht, experimentiert und verworfen. Meist aus Spaß, mit Freunden oder allein, spielerisch und mit Entdeckerfreude. Wichtig, weil herausfordernd, war dabei der werkraum bregenzerwald mit dem Wettbewerb handwerk und form. werkraum, das heißt gemeinsames unternehmen, und doch bleibt jeder sein eigener Herr. Er hat uns unterstützt, hat Halt gegeben. Durch ihn ist möglich geworden, was der Einzelne höchstens einmal macht, Herausforderungen über das Tagesgeschäft hinaus. Er brachte Öffentlichkeitsarbeit, Hebung Handwerkder eigenen Standards durch Vergleiche, Ansporn und Anfeuerung, aber auch Jugendförderung, Kinderbaustellen, Sorge um den Nachwuchs und Begeisterung. Da ist enorm viel geschehen. Und jetzt haben wir ein großes Projekt vor uns, ein werkraum-haus als Ort ständiger Präsenz, seit vielen Jahren im Gespräch und nun in Planung. Denn mittlerweile ist der Andrang der Gäste und Architekturtouristen so groß, dass es zu einer Belastung des Betriebs werden kann.

Der werkraum hat so etwas wie eine Linie gebildet. Wesentliche Merkmale sind Nachhaltigkeit, Materialgerechtigkeit, saubere Konstruktion, Sachlichkeit, Strenge und zeitweise sehr geometrisch – Gebrauchsgegenstände, kein Kunstgewerbe. Natürlich haben die Architekten auch diese Linie eingefordert, im Alltagsgeschäft und als Partner bei vielen Entwürfen für Wettbewerbe. Das war eine Schule. Das Handwerk hier ist offen, hat den Architekten Möglichkeiten eröffnet, ihre Ideen bis an die Grenzen auszuloten und gezeigt, was dem Handwerk möglich ist. Ein rein handwerkliches Detail wie die Verzinkung wurde zeitweise regelrecht stilisiert. Vielleicht liegt’s an meinem Metier mit seiner Fülle an Stoffen, Fügungen, Formungen, Falten, Überwürfen und Mischungen: Mir war das manchmal zu eng. Die Räume sind immer reduzierter, einfacher, kühler, glatter, akustisch hart geworden – und plötzlich wollten die Kunden Stoff und Textil. Nicht mehr nur puristisch reduzierte Möbel. Es darf schon ein bisschen mehr sein als nur Zweckerfüllung: mehr Farben, mehr Formen, Wohlbehagen, weich, weiblich. Also, da muss doch noch mehr möglich sein, Lust, Liebe, Lebenslust und Wechsel, Experiment, Wagnis. Das lerne ich an den Biedermeier- Kanapees, die ich restauriere: Sie waren nie nur reduktiv, vielmehr fein, von handwerklichem Geschick, mitunter opulent. Das scheint mir gar nicht so von gestern, diese Welt des Wohnens und der Behaglichkeit.“

Autor: Florian Aicher
Ausgabe: Reisemagazin Winter 2009/10

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