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Besuch im Frauenmuseum

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Besuch im Frauenmuseum

Es wäre nicht unser Autor, würde dieser Besuch nicht mit einem gefundenen Buch über den Bregenzerwald enden, das ihn an für die Talschaft wichtige Persönlichkeiten erinnert.

Vor sechs Jahren stellte die Keramikerin Margit Denz im Frauenmuseum Hittisau zum Thema „Intim. Geburt – Leben – Tod. Griechische Mythologie für das 21. Jahrhundert“ aus. Das schöne, moderne Haus hatte ich noch nie gesehen, also fuhr ich mit der Verwandtschaft hin. Die Denz hatte mit meiner Lebensgefährtin Irena Rosc einst im getreidestrotzenden Waldviertel eine Ausstellung über die griechische Fruchtbarkeitsgöttin Baubo gemacht.

Wir waren befreundet, ich war auf ihre witzigen, ins Absurde tendierenden Objekte gespannt, die den Bogen spannten von der vorpaternalistischen Urmutter zum zeitgenössischen Feminismus. Im bäuerlichen Hittisau mit seinen prachtvollen, geraniengeschmückten Fensterbänken auf den sonnengegerbten Wälderhäusern setzt das Frauenmuseum einen Kontrastakzent, aber einen organischen. In Erinnerung blieb mir der Ausflug aber nicht nur der durchaus schönen Ausstellung wegen, wenngleich deren Bogen so weit gespannt war, dass er den Rauminhalt jedes Hauses sprengen hätte müssen. Nein, als wir das Museum verließen und nach einem Kaffee in einem der wohlbeleumundeten Wirtshäuser zum Auto kamen, sahen wir, wie junge Leute Kisten zu einem Container brachten und den Inhalt hineinwarfen. Ich sah Bücher und war schon dort.

Die jungen Laute hatten ein Haus geerbt und verfuhren nach der mitleidlosen Methode folgender Generationen. Die Frauen retteten schönes Bleikristallgeschirr, feine Gläser, Leinentischtücher und andere Kleingegenstände. Wir hätten das ganze Auto füllen können. Ich nahm ein Buch zur Hand, schlug es auf, und mit einem Mal fuhren Gespenster meiner Vergangenheit daraus hervor wie der Dschinn aus der Flasche. Es war Lore Bengers Bildband „Bregenzerwald“, ein gern verschenktes Büchlein aus einer Zeit, als Bildbände noch etwas bedeuteten. Gleich kam mir der kleine Bildband „Bodensee“ in den Sinn, den mir der Klassenvorstand Gantner in der 1b des Bundesgymnasiums geschenkt hatte, als Anerkennung und Ansporn zu weiteren Leistungen als Klassenprimus. Es sollte das einzige Geschenk dieser Art bleiben, von da an ging’s mit Schüler Thurnher bergab.

Auf dem Vorsatzblatt des Büchleins (man bekommt es antiquarisch um zehn Euro) stand in sauberer Füllfederschrift (mit Überstrichen auf den U’s): „Unserem lieben Frl. X wünschen wir alles Gute und Liebe zum heutigen 50. Geburtstag. Die Mitarbeiter v. Skilift TB.“ Nun wussten wir also, wie die Verstorbene hieß. Und wie hätte ich nicht wissen sollen, was „Skilift TB“ bedeutet? Es stand für Skilift Tannerberg, einen der ersten Skilifte abseits der städtischen Hausberge Pfänder und Bödele, die sich aus der Hauptstadt Bregenz schnell erreichen ließen. Auf dem Alberschwender Tannerberg am Eingang zum Vorderwald hatten wir viele Zehnerblocks verbraucht, die Liftwarte kannten wir persönlich, viele der Skifahrer auch, es war eine familiäre Art sonntäglichen Skifahrens zwischen Frühmesse und Mittagessen in einer Höhenlage, die vor 50 Jahren noch als schneesicher galt. Der Tannerberg wäre eine eigene Kolumne wert.

Aus dem Buch lachten mich mindestens drei andere an. Dessen Autoren kannte ich nämlich alle persönlich, und jeder von ihnen ist eine Geschichte wert – vielleicht erzähle ich sie ja noch einmal. Walter Lingenhöle, ein feiner und gebildeter Mann und furchtbar unbegabter Tennisspieler, der in Bregenz eine Buchhandlung führte, aus der er an Wochenenden gern im Porsche ins urbane München ausbüchste. Im Fenster seiner Buchhandlung entdeckte ich – ohne jede Anleitung, nur durch den Reiz der Grafik von Titelblättern – verschiedene Autoren, deren Name im Deutschunterricht niemals fiel: Hans Magnus Enzensberger und Karl Kraus, Uwe Johnson und Alfred Andersch, Arno Schmidt und Ingeborg Bachmann. Dann schrieb da Wolfgang Rusch, Heimatkundler aus Leidenschaft und Physiklehrer von Beruf. Er bleibt mir in guter Erinnerung, denn statt uns mit Formeln zu quälen, erheiterte er uns mit Anekdoten. Von Physik lernten wir nichts, über Vorarlberg so manches. Noch mehr lernten wir vom dritten Autor, dem Historiker Benedikt Bilgeri.

Er war so etwas wie der offizielle Chefideologe von Nachkriegsvorarlberg. Er dozierte Geschichte und war bei uns Schülern nicht nur seines vogelscharfen Profils und seiner kerzengeraden Haltung auf dem Fahrrad wegen beliebt, sondern seiner Art des Vortrags wegen: Man merkte sich Wichtiges, ohne es je lernen zu müssen. Jeden zweiten Satz beendete er mit der Phrase „Gell, du?“ Vielleicht massierte das seine Botschaften in unsere Knabenhirne. Das Buch verriet nicht, wer welchen Beitrag geschrieben hatte. Aber alle drei Autoren propagierten eine Idee des Bregenzerwaldes, und zwar voller Freiheitspathos und Hoffnung, hier könnten Menschen und eine
Landschaft die üblen Mitbringsel der modernen Zivilisation aufhalten. Das war unrealistisch, und doch scheint es irgendwie eingetroffen zu sein, wenn auch anders, als es sich das Trio vorstellte. Die Fotografin Lore Benger feierte in imposanten, hauptsächlich schwarzweißen Bildern die Würde der Kühe, die freundliche Gelassenheit der Menschen, die Höhe der Berge und die weitgehende Absenz von Automobilen. Und ehe das vollends urtümlichkitschig wurde, erblickte man das Bild einer „Häkelnden Wälderin“.

In sich ruhend sitzt sie auf einer Holzbank, hinter ihr bauscht sich frische Wäsche im Wind, ein geflochtener Korb, ferne Kühe, Sonnenlicht im Gras, steil steigt der Hang im Hintergrund aus dem Tal. Aber da: Auf der Bank neben der würdig lächelnden Häklerin, neben einem angebrochenen Stück Brot, Typ Hearalöable, eine offene Dose Inzersdorfer Leberpastete! So retteten vier Frauen diesen Sonntag: Margit Denz, das Fräulein X, Lore Benger. Und die anonyme Häklerin, welche allzu schweres Heimatgefühl durch einen lässigen Schuss industrieller Gegenwartszivilisation erträglich machte.

Autor: Armin Thurnher

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