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Aus Wolle eine Welt

Aus Wolle eine Welt

Filzen kann die Seele entlasten wie bei jener Filzerin, die ihre Wut auf die Schwiegermutter in Filzpatschen hüllte.

Marianna Moosbrugger vereint in ihrer Filzwerkstatt fünf Gewerbe, begeistert den Architekten Peter Zumthor, wird in Zürich geschätzt und gibt ihr Wissen weiter.

 

So sitzt sie auf einer Bank in einem hellen Raum, neben einem riesigen Regal, das überquillt vor Farbe: Wollknäuel in Senfgelb, Eigelb, Sonnengelb, Schichten in Petrol, Dunkelblau, Grün, verschiedene Rottöne. Satte, warme, weiche Farben, lose Wollbälle, in die man gerne die Hände stecken möchte, dann die Arme und die Nase. „Ich mag die Nähe zur Wolle“, sagt Marianna Moosbrugger, „ich brauche aber auch Distanz.“

Der Liebe wegen ist Marianna Moosbrugger einst von Egg nach Au gezogen. „Da denkt man, das ist eh nur innerhalb des Bregenzerwaldes, aber es sind verschiedene Welten.“ Sie fühlte sich fremd ‚dohinna‘, im hinteren Teil des Tales, zudem war ihr Mann beruflich viel unterwegs. Sie suchte Anschluss und Beschäftigung. „Es war eine Nachbarin, die mir riet, einen Filzkurs in der Schule zu besuchen.“ Also wurde zu Hause im eigenen Waschbecken experimentiert. Sich Wissen zu diesem alten Handwerk anzueignen, war Anfang der Neunzigerjahre schwierig. Internet gab es noch nicht und auch keine Bücher zum Thema. Filzen war noch lange nicht in Mode. Irgendwie hat Moosbrugger dann von Filztreffen in der Schweiz erfahren. „Ich bin nach Lugano gefahren für ein Wochenende. Jedes Jahr folgten weitere Kurse. Im Dorf bin ich damals als schräger Vogel angeschaut worden. Mein Mann hat mein Tun aber immer gutgeheißen und ich habe weitergemacht. 2000 schließlich habe ich mit einer dreijährigen Filzausbildung in Dänemark begonnen. Dort ist es ein angesehenes Handwerk und es gab für jedes Jahr einen anderen Schwerpunkt. Danach hatte ich genug. Kein Filz. Keine Wolle. Abstand für ein ganzes Jahr.“

 

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Dann war klar: Entweder ganz oder gar nicht. Eine Werkstatt musste her und ein Gewerbe sollte angemeldet werden. Die Werkstatt zu bauen war einfach, „ich musste nur meinen Mann überzeugen, dass wir, sollte die Sache schiefgehen, den ausgebauten Keller als Alterswohnung nutzen könnten“ – aber das Gewerbe anzumelden, entwickelte sich zum Spießrutenlauf. „Ich wurde von einem Amt zum nächsten verwiesen, von der Arbeiterkammer zur Wirtschaftskammer und zurück. Niemand fühlte sich zuständig. Die einen sagten, wenn ich Patschen fertige, benötige ich den Schuhmacher- Gewerbeschein, die anderen, wenn ich Ledersohlen anbringe, den Lederverarbeiter, den Damenschneider für Schals, den Hutmacher für Hüte und so weiter. Da habe ich aufgegeben. Zwei Jahre später, also vor fünf Jahren, habe ich mir gedacht: Ich will legal als freischaffende Filzhandwerkerin in Vorarlberg arbeiten, das muss doch möglich sein. Ich hab nochmal angerufen. Wieder musste ich warten. Irgendwann landete ich bei einer Sekretärin und erzählte ihr von meinem Anliegen. Sie meinte, sie werde sich darum kümmern. Ich dachte, es werde nun wieder nichts geschehen, aber binnen einer Woche war mein Gewerbe angemeldet. Die Sekretärin hatte bereits vor Jahren bei mir Filzsachen gekauft, sie hat das möglich gemacht.“

Seither bietet Moosbrugger in ihrer Werkstatt Filzprodukte aller Art zum Verkauf und Kurse nach Anfrage an. Herz und Hände schlagen beziehungsweise reiben und rollen aber vor allem für jene Dinge, die sie selbst entwickelt und bei Ausstellungen und Messen präsentiert. Kunst-Stücke eben. Riesige, voluminöse, braunweiche, bauchige Vasen etwa. Oder Lampenschirme aus stark gekräuselter englischer Wolle. Die hat der Schweizer Architekt Peter Zumthor gesehen und für sein eigenes Wohnhaus gekauft. „Er wollte, dass ich weitere Lampen für eine italienische Designfirma herstelle – quasi serienmäßig. Das hätte wohl viel Ruhm und Geld gebracht, aber ich habe mich dagegen entschieden“, erzählt Moosbrugger. „Lieber lasse ich mir immer wieder etwas Neues, Eigenes einfallen und bleibe hier bei meiner Wolle. Mache Patschen und Hüte, die inzwischen auch in einer exklusiven Kunst-Boutique in Zürich zu haben sind und gebe Erfahrung weiter.“

Filzen ist für Marianna Moosbrugger Beruf und Entspannung zugleich.

Oder man kann der Wolle auch so manche Gedanken einfach überlassen. „Ich hatte einmal eine Kursteilnehmerin, die machte Patschen für ihre Schwiegermutter. Als sie fertig war, meinte sie, sie sei nun ihre ganze Wut auf sie losgeworden. Die sei nun gut verpackt im Filz.“

Autorin: Carina Jielg
Ausgabe: Reisemagazin Winter 2012-13

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