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Das Glück beim Gehen

Birgit Rietzler aus Au schreibt hier die Kolumne „G‘hörig wälderisch“ und leitet Workshops für Schreibende. Ihr Sohn Franko ist Canyoning Guide und Bergführer. Beide veranstalten Flusswanderungen in der Subersach, bei denen ihre Profession und Passion zusammenkommen – zum Glück für die Teilnehmenden.

Bevor wir seitwärts der Brücke ins weglose Gelände quer durchs Gestrüpp hinab zum Flussbett „abtauchen“, lässt uns Franko die Helme aufsetzen und die Karabiner überprüfen. „Wenn ihr euch unsicher fühlt, setzt euch hin und rutscht auf dem Po weiter. Benutzt auch die Hände zum Gehen. Stützt euch ab, auf dem gesamten Handballen.“ Ein Rat, den wir wie automatisch befolgen werden. Schon bald holen wir uns die ersten Schrammen, ducken uns unter querstehenden Ästen und klettern über rutschiges Geröll. Streckenweise lässt uns der Wald neben dem Bachbett ausreichend Platz für unsere Tritte. Dann machen riesige Steine den Fluss uferlos. An manchen Stellen führt der Weg durch das Wasser selbst. Wir gehen konzentriert hintereinander, rechts der oft steil aufsteigende wilde Wald, links das bisweilen laut rauschende und gurgelnde Wasser. Wir machen unsere Schritte auf dem Dazwischen. Manchmal kommt man aus der gebückten Haltung hoch und sieht eine sandige Uferstelle. Dann wieder tut sich der Wald auf wie zu einer unwirklichen Lichtung. Äste, Steine, Waldboden – alles an diesem Ort ist dicht mit Moos bewachsen. Moos in hellem, jungem Grün, man denkt dennoch an uralte Landschaften. An Märchen. Die Gruppe hält, der Weg führt über einen riesigen Felsen. Elmar wird später sagen, wenn ihm heute früh jemand erzählt hätte, dass er in seinem Alter über Steine von diesem Ausmaß klettern würde, hätte er ihm nicht geglaubt und ihn womöglich für verrückt erklärt. Jetzt, nachdem er die Wanderung überstanden hat, würde er gerne irgendjemanden umarmen. Aber dazu später.

Zuvor gilt es einen sechs Meter hohen Felsen zu besteigen und sich mittels einer Seilrutsche auf die andere Uferseite zu schwingen. Die dort Angekommenen schweigen. Sie sind mit sich beschäftigt, setzen sich, atmen aus, manche schreiben. Gudrun, obwohl geübte Bergsteigerin, findet diese Flusswanderung „nicht unanstrengend, dennoch großartig“. An einem Schreibworkshop nimmt sie zum ersten Mal teil, „aber jetzt fließt es nur so aus mir heraus“. Birgit Rietzler hat jedem der sechs Teilnehmenden ein Heft mit auf den Weg gegeben. In jedes Heft hat sie Fragen und Gedanken notiert, die zum Schreiben anregen sollen. „In Wahrheit ist das Gehen und die Umgebung hier Anregung genug. Für die meisten sind es ungekannte Herausforderungen. Hat man sie überwunden, fallen die Worte wie von selbst aus einem heraus“, lächelt die Autorin. Sie hat sich längst einen Namen gemacht. Ihre veröffentlichten Bücher wie etwa der Mundart-Lyrikband „Wiebr, Mä und Gogozäh“ (Weiber, Männer und Kinderzähne) aus dem Jahr 2000 ist vergriffen. Ihre lyrische Wanderung in Schriftsprache mit dem Titel „berberitzen“ wurde vertont und im Bregenzer Theater Kosmos uraufgeführt.

Rietzler beschreibt in „berberitzen“ eine Wanderung durch das Flusstal der Argenschlucht. Einige Zeilen daraus fallen ihr jetzt ein:

Gräser kitzeln am Hals
Jedenfalls
rieseln die Rispen
den Rücken hinunter
Hunderte Blätter
haben alles verdeckt
Ganz versteckt
kichern die Kinder
im knisternden Wald

Berberitzen sucht
die alte Frau
in der Schlucht
Hier ist sie fern
von Geschrei und Lärm
Und mitten im Wald
Hellrote Beeren
Ein Jahr das vergessen war
kommt ihr in den Sinn
Sie hört sich selber sprechen
Die Dornen stechen
noch immer

Gedichte verfasst Rietzler seit ihrer Jugendzeit. Mittlerweile leitet die gelernte Schreibpädagogin Workshops und betreut eine Gruppe der jungen
Autorenszene bei Literatur Vorarlberg, dem heimischen Schriftstellerverband. Die Zeit, die sie in die Auseinandersetzung mit anderen Schreibenden investiert, sei fordernd, bereut habe sie es aber noch nie. „Im Gegenteil. Im Austausch mit anderen kommt viel Inspiration und Schreibfreude zu mir zurück.“ Dass sie einen ihrer Workshops nun gemeinsam mit ihrem Sohn Franko machen kann, ist ein Glücksfall und hat sich doch für beide wie selbstverständlich gefügt. „Als er mir seinen Weg durch die Schlucht gezeigt hat, war für mich sofort der Gedanke daran da.“ Es ist tatsächlich Frankos Weg durch die Subersach. Denn er hat hier an unbegehbaren Stellen Seile und Eisentritte angebracht. So behutsam seine Mutter „ihre“ Autoren anleitet, so behutsam führt uns auch Franko über Stock und Stein, Fels und Fluss. Gelernt hat er ursprünglich das Tischlerhandwerk. Dass er heute Canyoning Guide mit international gültigem Zertifikat und geprüfter Bergführer ist, Schluchtentouren und Wanderungen ins Tessin und über die heimischen Alpen leitet, war am Beginn seiner Laufbahn nicht abzusehen. „Als es in der Tischlerei immer mehr um die Maschinen ging und ich immer weniger Kreativität einbringen konnte, bin ich ausgestiegen. Auf den neuen Weg bin ich schließlich durch Freunde gekommen.“ Nun zeigt er seine Wege wiederum anderen und vermittelt etwas, was viele längst verlernt haben – das Gehen im weglosen Gelände. „Klar habe ich Hilfen angebracht, aber der Fluss löscht alle Spuren. Spätestens im Wasser muss also jeder seine eigenen Schritte setzen. Man muss sich konzentrieren auf etwas, was sonst keine Überlegung wert ist – auf das Gehen. Das setzt manchmal Ungeahntes frei.“

Wir sind mittlerweile bei der letzten Rast angekommen. Hier setzen wir uns am Flussufer auf trockene Baumstämme und staunen. Gegenüber liegt der Hang mit dem Quelltuff von Lingenau. Quellwasser stürzen, plätschern und tröpfeln über eine Geländekante in die Subersach-Schlucht und überziehen unterwegs alles mit Kalkschichten. Pilzförmige Skulpturen ragen aus der Wand heraus oder in die Tiefe. Der Kalktuff ist sandig, weiß und ockerfarben. Scheint die Sonne auf die tropfsteinartigen Pilzköpfe, glänzen sie golden. Viele aus der Gruppe schreiben. Elmar nicht. Er schaut und macht Fotos – von Touristen, die hoch oben auf den Holzstegen im Quelltuff stehen. Sie scheinen sich an der Schönheit dieses Ortes
nicht sattsehen zu können. Dabei entgeht ihnen dessen eigentliches Ausmaß. Das können wohl nur die erfassen, die unten stehen, also wir. „Jetzt kann ich nicht schreiben, das ist unmöglich“, sagt Elmar. „Aber ich weiß, dass mir daheim noch lange etwas dazu einfallen wird.“

Carina Jielg

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